Adjektive: Schmuck oder Ballast?

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Schmückende Beiwörter, so hießen die Adjektive damals im Aufsatzunterricht, und damit ist ihre vornehmste Aufgabe beschrieben: Substantive aufzurüschen. Vor allem wenig erfahrene Autoren neigen manchmal dazu, ihre Texte nach dem Motto »Viel hilft viel« großzügig auszuschmücken und jedem Substantiv mindestens ein Adjektiv voranzustellen, um so vermeintlich die literarische Qualität zu steigern. Schwer einzusehen, warum Stilratgeber vor diesen Preziosen warnen: »Häufen Sie nicht die Eigenschaftswörter« (Ludwig Reiners) oder »Weg mit den Adjektiven« (Wolf Schneider).
Doch es gibt gute Gründe für solche Ratschläge. Adjektive blähen einen Text auf, machen ihn lang, zuweilen langatmig. Schwerer noch wiegt, dass sie so bequem sind, weshalb der eilige Autor sie schätzt. Schreiben ist anstrengend genug. Warum soll man sich damit aufhalten, viele Sätze über das Kleid der Hauptfigur zu vergeuden, wenn man doch ganz einfach schreiben kann: Sie trug ein wunderschönes Kleid. Dann weiß doch jeder, was gemeint ist. Wirklich? Eben nicht. Wie sieht ein wunderschönes Kleid aus? Das ist eine Geschmacksfrage, auf die es zahllose Antworten geben kann: Ist es ein langes Abendkleid aus Samt; ein Etuikleid, das jede Körperlinie betont; ein Kleid aus Rüschen und Spitzen; ein streng geschnittenes Designerkleid? Manchmal argumentieren Autoren, sie hätten das bewusst offengelassen, so könne jeder Leser seine eigenen Vorstellungen von dem Kleid entwickeln. Wenn das so ist, ist das Aussehen des Kleides beliebig, und dann ist es überflüssig, es überhaupt zu erwähnen. Ein Weiteres kommt hinzu: Mit Werturteilen werden Behauptungen über das Wesen von ­Dingen aufgestellt. Ich als Leser möchte mir aber selbst ein Urteil über das Kleid bilden. Und dazu muss der Autor es mir zeigen!
Ein erstaunliches Phänomen ist für mich die Fehleinschätzung des eigenen Adjektivgebrauchs. Wer mich kennt, weiß, dass ich gern und oft Mäßigung predige. Und dann spüre ich in meinen Texten selbst bei der dritten Überarbeitung noch zahlreiche überflüssige Kandidaten auf. Wie schätzen Sie sich ein?
Machen Sie den Adjektivcheck (nach Andreas Eschbach). Nehmen Sie sich einen Text oder einen Textausschnitt von etwa drei Seiten. Markieren Sie alle Adjektive, und zwar ganz mechanisch, ohne darüber nachzudenken, welche nötig sind. Wer mit einem Schreibprogramm wie »Papyrus Autor« arbeitet, spart diesen Schritt, er kann sich alle Adjektive anzeigen lassen. Sehen Sie sich das Ergebnis an: Stimmt es mit Ihrer Selbsteinschätzung überein? Oder sind auch Sie von der Fülle überrascht? Betrachten Sie jetzt jedes Adjektiv für sich und entscheiden Sie, ob Sie es wirklich brauchen. Versuchen Sie etwa ein Viertel bis die Hälfte zu streichen. Berücksichtigen Sie folgende Kriterien: Verzichten sollten Sie auf Pleonasmen wie schwarzer Rabe oder lautes Getöse und Ergänzungen, die Selbstverständliches wiederholen: Sie lächelte glücklich. Vorsicht geboten ist bei stereotypen Kombinationen, die sich durch millionenfachen Gebrauch verschlissen haben: die linden Lüfte, der plätschernde Bach, das liebende Herz. Suchen Sie nach neuen, unverbrauchten Wörtern, wenn Sie nicht auf ein Attribut verzichten wollen. In anderen Fällen ist vielleicht ein Verb oder ein Substantiv aussagestärker und konkreter: statt schlechter Handwerker besser Stümper, statt leise reden eher flüstern. Das kindliche Spiel lässt sich in Kinderspiel verwandeln, der schöne Mann in einen Schönling.
Wenn es um Unterscheidung geht (der große Mann dort; die alte Frau – nicht die junge), um Abgrenzung (sie zog das rote Kleid an – nicht das grüne), Modifikation (sie lächelte traurig) oder eine besondere Qualität (das zerknitterte Kleid), erfüllen Adjektive wichtige und teilweise unersetzliche Funktionen. Und schließlich gibt es Adjektive, die eine spezielle Stimmung erzeugen, vor allem in der Lyrik (ein knöchern Grauen; vergilbter Glanz; Trakl). Bei ihrer Verwendung empfiehlt es sich, nach dem Motto »Weniger ist mehr« zu verfahren.
Noch mehr Erkenntnis bringt folgende Methode: Streichen Sie aus einem Text alle Adjektive, am besten mithilfe der Word-Funktion Änderungen nachverfolgen. Drucken Sie den Text aus und vergleichen Sie ihn mit der Ursprungsfassung. Lesen Sie sich beide Versionen laut vor. Achten Sie auf die Unterschiede in Rhythmus und Tempo. Fügen Sie dann wieder die Adjektive ein, die notwendig sind. Es sollten deutlich weniger sein als zuvor.

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