Archiv der Kategorie: Literaturtipps

Buchtipp: „Das Alphabet des Denkens“

CoverAlphabetdesDenkensDiesmal empfehle ich keinen Schreibratgeber, sondern ein Sachbuch darüber, „Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt“ – so der Untertitel. Die faszinierenden und teilweise sehr verblüffenden Forschungsergebnisse, die Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen präsentieren, können gleichwohl den Handwerkskoffer jeder Autorin und jedes Autors bereichern. Drei Hauptkapitel handeln davon, wie Wörter wirken, was sie über uns verraten und wie wir sie für unsere eigenen Interessen nutzen können. Für Schreibende besonders interessant sind die Ausführungen zur Wirkung von Metaphern, zu den Assoziationen und Emotionen, die sich allein durch den Klang von Wörtern und Namen erzeugen lassen, und zum Zusammenhang von Emotionen und Schimpfwörtern sowie von Funktionswörtern und Charaktereigenschaften. Weiterlesen

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Buchtipp: „Der Erzählinstinkt“ von Werner Siefer

419Nnl-Y2JLAls ich vor vielen Jahren zum ersten Mal ein Seminar zum Romanschreiben anbot, war ich ziemlich sicher, es würde ausfallen. Doch es war im Nu ausgebucht und das Interesse hat bis heute angehalten. In den Vorstellungsrunden erfahre ich zudem oft von Teilnehmenden, dass sie seit früher Jugend den Wunsch haben, Geschichten zu schreiben. Sie verlieren dieses Ziel auch nicht aus den Augen, wenn ein anstrengender Ganztagsjob zu meistern und eine Familie zu versorgen ist. Seit ich das Buch des Diplom-Biologen Werner Siefer gelesen habe, verstehe ich etwas besser, woher diese große Leidenschaft kommt. Es ist ein archaischer Antrieb, Geschichten zu erzählen, zu lesen und zu hören. Weiterlesen

Der Buchmarkt für Kinder- und Jugendliche

Kinder-und-JugendliteraturDavon träumen alle, die Bücher für Erwachsene veröffentlichen möchten: von einem Verzeichnis, in dem sich die Verlage mit ihren Programmen vorstellen, in dem Ansprechpartner und Adressen genannt, Tipps und Tricks für Autoren und Illustratoren zu finden sind. Wer Kinderbücher schreibt, kann ein solches Hilfsmittel nutzen. Kinder- und Jugendbuchverlage von A bis Z erschien viele Jahre lang als Broschüre, seit 2016 liegt das Verzeichnis nur noch als Online-Plattform vor (www.kinder-jugendbuch-verlage.de). Dadurch bleibt es zwar leichter auf dem jeweils neusten Stand, ist aber umständlicher zu handhaben. Herausgegeben wird es von der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendbuch­verlage. Weiterlesen

Buchtipp: »Der deutsche Wortschatz« von Franz Dornseiff

DornseiffWie oft hat man das Gefühl, die deutsche Sprache besitze zu wenige Wörter. Dreimal haben Sie in einem kurzen Absatz schon gehen geschrieben. Hat man Ihnen nicht im Aufsatzunterricht zu vermitteln versucht, dass Wiederholungen unschön sind und deshalb vermieden werden sollen? Nun also, welche Synonyme, d. h. Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung, gibt es zu gehen? Glücklicherweise sitzen Sie nicht mehr im Klassenzimmer und dürfen deshalb Hilfsmittel benutzen. Bekannt sind Ihnen vermutlich das Synonymwörterbuch des Duden (Band 8), das sinn- und sachver­wandte Wörter enthält, und die Thesaurus-Funktion von »Word«, die sich unter dem Menüpunkt Überprüfen verbirgt. Im »Word«-Thesaurus finden Sie immerhin zehn Verwandte des Gehens, unter anderem stolzieren, stelzen, walzen, schreiten. Im Synonymwörterbuch des Duden erfahren Sie, dass gehen in anderen Bedeutungen auch kündigen, funktionieren oder verkaufen heißen kann. Wenn Sie aber zu fortbewegen zurückblättern, treffen Sie auch hier auf eine hübsche Liste, zu der unter anderem schlurfen, schlurren, watscheln, pesen und wetzen gehören, aber etwa auch über den großen Onkel gehen oder wie ein Storch im Salat gehen. Weiterlesen

Juli Zeh: »Treideln«

Kein Schreibratgeber, keine Autobiografie, keine Poetik – einerseits. Andererseits aber doch, und zudem das klügste, wahrhaftigste und witzigste Buch über das Schreiben und das Leben, das ich je gelesen habe. Seine Entstehung verdankt sich der ehrwürdigen Einrichtung einer Poetikdozentur an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 1959 stellt dort in jedem Semester ein deutschsprachiger Schriftsteller sein poetologisches Konzept vor. Weiterlesen

Road Novel der Romantik

Cover-Doerrier-BlogNach Rom – das war der Sehnsuchtsruf der deutschen Klassik und Romantik. Von Wien aus machen sich 1810 vier Kunststudenten auf den Weg, die den blutleeren Unterricht an der Akademie gründlich leid sind. Zuvor haben sie sich zum Bund der Lukasbrüder zusammengeschlossen. Ihr nicht gerade bescheidenes Ziel: Sie wollen die Kunst revolutionieren.

Alexandra Doerrier lässt uns teilhaben an der abenteuerlichen Reise von Friedrich Overbeck, Konrad Hottinger, Franz Pforr und Ludwig Vogel. Mit den Mitteln der Sprache schafft sie farbig leuchtende Gemälde, die uns die Landschaften Italiens mit allen Sinnen wahrnehmen lassen, so intensiv, wie die Reisenden sie empfunden haben mögen. In Rom werden die Freunde von einer feierfreudigen Künstlerszene empfangen. Es locken zahlreiche Vergnügungen, Nächte in Tavernen und Bordellen und der römische Karneval, die das Ziel des Bundes, eine neue christliche Kunst in der Nachfolge Raffaels zu schaffen, gehörig ins Wanken bringen.

Doerrier schildert uns den Lukasbund mit viel Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis. Man lernt viel über die Entstehung einer höchst bedeutsamen, stilprägenden deutschen Kunstströmung, aber man wird nie belehrt. Die Autorin langweilt nicht mit kunstwissenschaftlichen Erörterungen, sondern lässt ihr enormes Sachwissen wie nebenbei in die unterhaltsame, zügig voranschreitende Handlung und die Streitgespräche der Freunde einfließen. Ihr ist ein lebhafter, farbiger und zuweilen auch komischer Roman gelungen. Und es ist gewiss kein Zufall, dass sie mit Konrad Hottinger ausgerechnet denjenigen die Geschichte der Freunde erzählen lässt, den die meisten Zweifel am Sinn der künstlerischen Mission plagen und dem es am schwersten fällt, sich in das entsagungsvolle Klosterleben zu fügen, das der immer mehr zum religiösen Fanatiker werdende Overbeck dem Bund aufdrängt.

Der Roman ist von überzeitlicher Aktualität und deshalb nicht nur kunsthistorisch Interessierten zu empfehlen, sondern allen, die sich mit Grundfragen menschlichen Lebens beschäftigen. „Die Lukasbrüder“ erweist sich als berührende und faszinierende Geschichte über das Wesen der Freiheit, über das große Ziel der Kunst, über das Entstehen eines berühmten Gemäldes und vor allem über die Freundschaft.

Alexandra Doerrier: Die Lukasbrüder. Die Nazarener und die Kunst ihrer Freundschaft. Hamburg: Acabus 2016, 216 S., 21,90 € 

Zutiefst berührend. Großartig! – Achim Freudenberg: „Das Mädchen auf der anderen Seite“

Wann habe ich zum letzten Mal (beinahe) die Nacht durchgelesen? Das ist ewig her. Doch mit Achim Freudenbergs Debütroman „Das Mädchen auf der anderen Seite“ ist es mir so ergangen. Die Handlung ist so vorwärtsdrängend und spannend, die Cliffhanger sind so raffiniert gesetzt, dass man das Buch nur sehr schwer aus der Hand legen kann. Und das, obwohl ich eigentlich allergisch bin gegen jede Form von Übersinnlichkeit.

Freudenberg-Cover

Erstaunlicherweise findet man es relativ schnell ganz normal, dass die Hauptfigur, die Radiojournalistin Eva Bottin, Tote sehen kann und mit ihnen zu kommunizieren vermag. Es wirkt selbstverständlich, weil Bottin als sehr rational denkende Person eingeführt wird, die zunächst selbst an ihrer Wahrnehmung zweifelt und erst allmählich begreift, dass sie offenbar über eine besondere Gabe verfügt. Gerne folgt man der etwas schusseligen, aber sehr sympathischen Protagonistin durch ihren chaotischen Alltag. Mehr als einmal möchte man sie warnen, dieses oder jenes besser sein zu lassen, stürzt sich dann aber trotzdem mit ihr in die nächste gefährliche Situation. Traut sie sich doch Dinge zu, über die man lieber nur liest, statt sie selbst zu erleben.

Eva Bottins spezielle Fähigkeit ist der Motor für die Geschichte. Die Journalistin gerät immer stärker in die Rolle der Ermittlerin, bei ihr laufen die anfangs verwirrend vielen Handlungsstränge zusammen. Überzeugend motiviert ist ihr Aktionismus durch die Sorge um den verschwundenen besten Freund. Dass ihr Liebhaber Polizist ist, erweist sich zuweilen für ihre Nachforschungen als ausgesprochen hilfreich.

Für jemanden wie mich, die ansonsten Kuschelkrimis bevorzugt, waren die Szenen, in denen die brutalen Taten akribisch beschrieben werden, kaum zu ertragen. Doch diese Schilderungen, die durch die extreme Nüchternheit der Sprache umso grausamer wirken, sind dramaturgisch berechtigt und notwendig. Das versteht man am Ende, wenn man die Vorgeschichte kennt. Denn hier geht es nicht um eine Darstellung von Brutalität um der Brutalität willen. Freudenberg gelingt es eindrucksvoll, das Grauen physisch wie psychisch ganz nah zu zeigen. Dass die Frage nach Täter und Opfer nicht so einfach und eindeutig zu beantworten ist, wie manch simpel gestrickter Krimi uns weismachen will, wird bereits in dem ergreifenden Prolog deutlich. Ein Roman, der fassungslos macht, zutiefst berührt und vor Spannung vibriert. Großartig!

Achim Freudenberg: Das Mädchen auf der anderen Seite. Thriller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt TB 2016, 400 S., 9,99 Euro