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Frohe Festtage

Weihnachtsmarkt-2017

wünsche ich allen Schreib- und Literaturbegeisterten. Ich hoffe, Sie finden viele Buchgeschenke auf dem Gabentisch, entdecken auf Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfeiern und Familientreffen Ideen für neue Geschichten, haben zwischendurch Zeit zum Schreiben und Lesen und starten mit kreativer Energie in ein erfolgreiches Schreibjahr 2018.

Weihnachtsgeschichte: So wie früher

von Isa Schikorsky

Der Tisch war für drei Personen gedeckt: weißer Damast, gestärkte Stoffservietten, Silberbesteck, Kristallgläser – Konfirmationsgeschenke, die mehr als zwanzig Jahren ganz hinten im Schrank verstaubt waren. Die Nordmanntanne auf dem Sideboard schmückten Lametta, rote Kugeln und Wachskerzen. Alles war perfekt, befand Kerstin und eilte zurück in die Küche, wo Bratendunst in der Luft hing und das flaue Gefühl in ihrem Magen verstärkte. Sie las das Rezept noch einmal, öffnete die Backofentür und beschöpfte die Gans.
Simon kam herein. Er hatte sich bereits umgezogen, trug zum dunklen Anzug ein weißes Hemd und seine einzige Krawatte, die etwas schief geknotet war. So hatte sie ihn zuletzt gesehen, als er den Antrittsbesuch bei ihren Eltern absolvierte.
»Und du hast deine Mutter wirklich richtig verstanden?«, fragte Kerstin.
Simon zog die Augenbrauen hoch. »Wie oft sollen wir das noch diskutieren? Dorothea wünscht sich ein traditionelles Weihnachtsfest. Sie hat ausdrücklich ›So wie früher‹ gesagt. Das ist doch verständlich, wenn jemand lange im Ausland gelebt hat. Warum sollten wir ihr diesen Wunsch nicht erfüllen?«
Weil wir uns inzwischen vegetarisch ernähren, dachte Kerstin ketzerisch, sagte aber nichts, sondern quälte sich weiter damit, aus der klebrigen Kartoffelmasse Klöße zu formen. Sie hätte auch erwähnen können, dass sie beide nicht gerne kochten und steife Esszeremonien verabscheuten. Diese ganze Inszenierung widersprach ihrem Lebensstil. Aber Simon hatte selbst kleinere Kompromisse wie ein Gänsetaxi zu bestellen oder Rotkohl aus dem Glas zu servieren abgelehnt und darauf bestanden, dass alles exakt so vorbereitet wurde, wie er es aus seiner Kindheit kannte. Also gab es in diesem Jahr statt des gemütlichen Fondueessens mit Freunden am Küchentisch Suppe, Braten und Dessert mit allem Pipapo an der Festtafel.
Simon entkorkte einen Bordeaux, den sie sonst nie tranken, weil er ihnen zu herb war, und dekantierte ihn in eine bauchige Karaffe, die sie extra gekauft hatten.
Kerstin rührte noch die Trockenpflaumen unter den Rotkohl, drehte die Temperatur herunter und lief dann ins Schlafzimmer, wo sie Jeans und T-Shirt gegen einen Glitzerfummel tauschte. Eine ebenso unsinnige Neuanschaffung wie die Pumps, in die sie ihre müden Füße zwängte. Während sie versuchte, mit Puder die Spuren der Küchenhitze in ihrem Gesicht zu bekämpfen, dachte sie – zwischen Neid und Trotz schwankend – über Dorothea nach. Die hatte früher neben ihrem Beruf problemlos einen Haushalt mit drei Kindern versorgt, und außerdem als perfekte Gastgeberin brilliert. Das hatte Simon ihr oft genug versichert. Seine Mutter habe immer aufwendig gekocht und mit großem Vergnügen Besuch bewirtet. Heiligabend seien sie mindestens acht Personen gewesen, oft zwölf oder mehr. Kerstin blickte seufzend in den Spiegel. Die roten Flecken auf ihren Wangen hatten sich nur unzureichend kaschieren lassen. Sie fühlte sich erschöpft, ihr Magengrummeln wurde heftiger.
Die Klingel schrillte. Kerstin schreckte zusammen und sah auf die Uhr. Pünktlichkeit gehörte also ebenfalls zu den Tugenden von Dorothea, die sie bisher nur von Fotos kannte. Als sie Simon vor drei Jahren kennenlernte, war sein Vater schon verstorben und seine Mutter leitete ein archäologisches Projekt in Assuan.
Kerstin seufzte noch einmal, straffte die Schultern und ging in den Flur, wo sich Simon und seine Mutter gerade voneinander lösten. Kerstin hoffte, dass man ihr nicht ansah, wie überrascht sie war. Statt einer eleganten Dame stand eine lässig gekleidete Frau Anfang sechzig vor ihr, in schmalen Jeans, flachen Wildlederschuhen und einem sandfarbenen Oversizepullover. Dorothea umarmte Kerstin mit strahlendem Lächeln, wirkte aber auch etwas irritiert.
»So lebt ihr also«, sagte sie, nachdem sie ins Wohnzimmer gegangen waren, es klang verwundert. Simon zündete die Kerzen am Baum an und legte eine CD mit Weihnachtsliedern ein. Tagelang hatte er nach dieser Aufnahme gesucht, die Heiligabend immer in seinem Elternhaus gespielt worden war.
Kerstin holte den Champagner und die Platte mit der Vorspeise. Sie stießen an, plauderten, aßen erst Häppchen, später die Suppe. Trotz der festlichen Atmosphäre schien sich Dorothea nicht richtig wohlzufühlen. Sie erzählte sehr anschaulich von ihren Forschungen in Ägypten, zwischendurch musterte sie jedoch wiederholt die Einrichtung und warf skeptische Blicke auf den Weihnachtsbaum. Kerstin hätte gern weiter zugehört, doch irgendwann konnte sie die Gans nicht länger warten lassen. Sie erhob sich und stellte das schmutzige Geschirr zusammen. Dorothea sah sie fragend an.
»Entschuldigt mich, ich muss den Hauptgang fertigmachen.«
»Dann können wir ja in der Küche weiterreden.«
»Aber, Mutter …«, begann Simon.
»Wieso denn nicht? Da sitzt man sowieso viel netter«, fuhr sie fort. »Oder ist es bei euch zu eng?«
Kerstin verneinte.
»Dann müssen wir die Kerzen am Baum löschen.« Simons Stimme verriet leichten Ärger.
»Ja«, bestätigte Dorothea lächelnd, »und diese furchtbare Weihnachtsmusik abstellen.« Sie sprang ebenfalls auf, griff rasch nach ihrem Weinglas und einigen Tellern. »Wie habe ich das früher gehasst«, sagte sie zu Kerstin, als sie durch den Flur gingen, »die Gäste unterhielten sich prima im Wohnzimmer, und ich stand allein am Herd.« Beim Betreten der unaufgeräumten Küche rief sie: »Wie schön gemütlich«, stellte Glas und Teller ab und ließ sich auf die Bank plumpsen.
Kerstin zog den Bräter aus dem Ofen. Die Gans war perfekt, braun und knusprig, genau wie auf der Abbildung im Kochbuch.
»Oh, my goodness«, murmelte Dorothea hinter ihr. »Was ist das?«
»Eine Gans«, antwortete Kerstin und dachte, dass sich der Dialog wie von Loriot anhörte.
»Seid ihr nicht Vegetarier? Ich glaube, das hat Simon mal erwähnt.«
»Die haben wir für dich gemacht«, sagte Simon von der Tür her, er sah blass aus.
Dorothea zuckte die Schultern. »Ich habe Gänsebraten schon immer verabscheut, und seit zwei Jahren esse ich überhaupt kein Fleisch mehr.«
»Und wieso hast du dir dann ein Weihnachtsfest wie früher gewünscht?«, fragte Simon in scharfem Ton.
»Was soll ich mir gewünscht haben?«
Simon wiederholte es.
Dorothea starrte ihn eine Weile an. Dann begann sie zu lachen. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte, bis ihr die Luft ausging. »Was für ein Missverständnis«, japste sie. »Bloß nicht so ein Weihnachtsfest wie früher, habe ich gesagt, da bin ich mir sicher. Aber die Telefonverbindung war sehr schlecht.«
Kerstin stand neben dem Herd und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Simon hielt sich am Türrahmen fest.
Dorothea stutzte. »Jetzt sagt bloß, ihr habt dieses ganze Brimborium nur für mich gemacht? Die Gans, der festlich gedeckte Tisch, der Weihnachtsbaum …«
»… die Weihnachtslieder«, warf Simon ein.
»Und die Festgarderobe«, ergänzte Kerstin.
Dorothea bekam einen weiteren Lachanfall, doch dann sagte sie ernst: »Oh, Kinder, ihr wisst nicht, wie ich dieses Steife und Traditionelle immer gehasst habe.« Sie wandte sich Kerstin zu. »Mein Mann war großzügig und liebenswert, aber in diesem Punkt ließ er nicht mit sich reden. Bis zu seinem Tod nicht. Sosehr er mir auch sonst fehlt, nach diesen schrecklichen Heiligabenden habe ich mich nie zurückgesehnt.«
Simon war noch bleicher geworden. »Aber das Kochen hat dir doch Spaß gemacht?«
»Wenn ich es auf meine Weise machen konnte, schnell, unkompliziert, aus dem Handgelenk. Diese Weihnachtsmenüs allerdings mussten genau so zubereitet werden wie früher von der Mutter meines Mannes und davor wahrscheinlich von deren Mutter. Ich hab natürlich getrickst: Rotkohl aus der Dose, Klöße aus dem Kochbeutel …« Sie kicherte wie ein junges Mädchen.
Kerstin spürte, dass das Magengrummeln nachließ. Sie sah an sich herunter und dann zu Simon hin. »Vielleicht sollten wir uns umziehen?«
»Gute Idee«, bestätigte Dorothea.
Als sie zehn Minuten später in die Küche zurückkamen, hatte Dorothea den rustikalen Holztisch mit bunten Leinensets und einfachen Tellern gedeckt, einen frischen Salat gezaubert, die Klöße gegart und Wein eingeschenkt. Es wurde ein langer und sehr lustiger Abend.
Die Gans würden sie morgen für das Weihnachtsessen der Obdachlosenhilfe stiften.

Zuerst abgedruckt in: Weihnachtsgeschichten am Kamin 30, gesammelt von Barbara Mürmann. Reinbek: Rowohlt 2015, S. 77-82.

 

 

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Weihnachtsschreibtipp: Was die Christbaumkugel erzählt

Sie haben Weihnachten oder zwischen den Jahren endlich Zeit zum Schreiben, suchen aber noch nach einer Idee?

weihnachtskugeln

Dann hören Sie doch einfach mal auf das, was Ihnen eine Kugel an Ihrem Weihnachtsbaum erzählt. Oder der Nussknacker aus dem Erzgebirge. Es kann auch eine der Krippenfiguren sein oder ein einfacher Tannenzweig oder – ich bin sicher, es gibt genügend Gegenstände in Ihrem Umfeld, die liebend gern mit Ihnen plaudern. Mancher kann auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken. Die große Silberkugel schmückte möglicherweise bereits das Weihnachtszimmer der Großeltern, der Nussknacker stand vorher in einer Bude auf dem Weihnachtsmarkt, die Tanne wuchs über viele Jahre im Wald heran.

Und was mag die Christbaumkugel alles beobachtet haben von ihrem Aussichtspunkt? Wie viel Freude und vielleicht auch Kummer? Was alles hat sich in ihrer Oberfläche gespiegelt, wer hielt sie in Händen, wer brachte sie beinahe zu Fall? Und wie und wo verbringt sie die vielen Wochen, in denen sie nicht am Weihnachtsbaum ihre Glanzrolle spielt? Lauschen Sie auch auf die Geschichten, die Ihnen die Christbaumkugel über ihre Mitstreiter erzählt. Sie erfahren bestimmt ganz erstaunliche Dinge. Sicher lästert sie über die Arroganz der Christbaumspitze, berichtet von Rangeleien um die besten Plätze (gut sichtbar, aber nicht zu dicht unter tropfenden Kerzen) und von der unvermutet auftauchenden Konkurrenz aus Holz, Filz oder gar Plastik (!) und schildert ihre Angst davor, dass ein Wechsel des Farbkonzepts (»dieses Jahr schmücken wir alles in Rot«) ihrer Karriere ein ebenso plötzliches wie unrühmliches Ende bereiten könnte.

Ich wünsche Ihnen glückliche Weihnachten mit vielen schönen Geschichten!

 

 

Sinnenrausch Weihnachtsmarkt – Schreibseminar

weihnachtsmarkt2015-6-von-9

Weihnachtsmärkte berauschen mit Lichterglanz, Mandelduft und Glockenklang. Sie laden dazu ein, mit allen Sinnen zu schreiben. Im letzten Jahr sind sehr eigenwillige Texte entstanden, die auch etwas von dem Widerspruch zwischen Hektik und Kommerz auf der einen Seite und dem Wunsch nach festlicher Stimmung und Harmonie auf der anderen Seite ausdrückten. Ich freue mich, wenn Sie diesmal dabei sind.

Lassen Sie sich inspirieren. Bummeln Sie mit offenen Ohren und Augen über den »Markt der Engel« in Köln, achten Sie auf Gerüche, Geräusche und Ihre Empfindungen. Dabei entdecken Sie ganz sicher Stoff für eine besondere Weihnachtsgeschichte.
Die können Sie anschließend im Schreibraum in der Schönsteinstraße gestalten und in gemütlicher Runde bei Punsch, Gebäck und Kerzenschein vorstellen.
Ihr Schreibzeug bringen Sie bitte mit (Heft oder Block, Stift, Laptop etc.).
Bitte melden Sie sich an: 0221-4856490 oder Schikorsky@Stilistico.de

Donnerstag. 1. Dezember 2016, 3–8 Teilnehmer
17–21 Uhr, 30 Euro (inkl. Punsch und Gebäck)
Leitung: Isa Schikorsky 

Treffpunkt: Mayersche Buchhandlung, Neumarkt 2, 50667 Köln-Zentrum.
Fortsetzung des Seminars: Schönsteinstraße 12A, 50825 Köln-Ehrenfeld

Wunderbare Weihnachten …

Weihnachtsmarkt2015-(9-von-9)

… mit viel Zeit zum Schmökern und Geschichten erfinden wünsche ich allen Lese- und Schreibbegeisterten. Und viel Vergnügen mit der Weihnachtsgeschichte:

Gemeinsam statt einsam

von Isa Schikorsky

Zu früh. Zwanzig Minuten zu früh hatte Katrin das Jugendstilhaus in einer stillen Seitenstraße erreicht. Die Adresse stimmte, Svens Nachname stand auf einem der Messingschildchen.
Unmöglich, jetzt schon zu klingeln. Katrin schlenderte weiter, so langsam wie möglich. Die Kälte drang durch ihren Mantel. Sie schlug den Kragen hoch, zog die Mütze tiefer über die Ohren. Wieso hatte sie diese alberne Einladung überhaupt angenommen? Vor dem Schaufenster einer Bäckerei blieb sie stehen. Es war leer bis auf einen Korb mit Brötchenattrappen. Trotzdem starrte sie darauf, als würden dort Juwelen präsentiert. Der Glühwein war schuld, dachte sie. Gestern nach Feierabend hatten sie und ihre Arbeitskollegen noch auf dem Weihnachtsmarkt zusammengestanden, und jeder hatte von seinem Heiligabend geschwärmt. Man feierte mit dem Partner, der Familie oder Freunden, mit Krippenspiel, Gänsebraten oder Luxusmenü. Immer aber war es ganz wunderbar, ungemein harmonisch oder wahnsinnig gemütlich. Es musste nach dem dritten Glühwein gewesen sein, da hatte sie ziemlich laut dazwischengerufen, dass Heiligabend das verlogenste Fest des Jahres sei und nur auf eine Weise mit Anstand begangen werden könne: allein. Das mache sie seit langem so, aus Überzeugung. Die anderen hatten sie erst erschrocken angesehen und dann heftig protestiert. Sie konnte sich ihren Ausbruch selbst nicht erklären.
Als sich die Runde auflöste, hatte Sven gesagt: »Lass mich dir beweisen, dass es anders auch Spaß macht.« Und schon im Fortgehen hatte er gerufen: »Morgen Nachmittag um fünf«, und die Adresse genannt. Noch bevor sie ablehnen konnte, war er im Gedränge des Weihnachtsmarkts verschwunden gewesen.
Immer noch eine Viertelstunde zu früh. Katrin wandte sich vom Schaufenster ab, begann zurückzubummeln – und blieb nach wenigen Schritten wie versteinert stehen. Warum konnte sie nicht unsichtbar werden? Sven näherte sich von der anderen Seite her dem Haus, auf seiner rechten Hand einen Karton balancierend. Auch er hatte sie offenbar sofort erkannt. Für einen kurzen Moment schien er verwirrt, dann sah er auf seine Uhr, aber da hatte Katrin ihn schon erreicht und entschuldigte sich wortreich. Sven lachte nur, das sei überhaupt kein Problem.

Als sie die Wohnung betraten, glaubte Katrin den Geruch von Gänsebraten und Rotkohl wahrzunehmen, aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Sven bat sie ins Wohnzimmer und entschuldigte sich für einen Moment. Er müsse den Kuchenkarton kühl stellen.
Neugierig blickte Katrin sich um. Ihr gefiel, was sie sah: wenige Designermöbel kombiniert mit ein paar alten Stücken, kein Schnickschnack, keine Weihnachtsdekoration. Dafür drängten sich die Bücher in deckenhohen Regalen und im Kaminofen prasselte ein Holzfeuer. Katrin lehnte sich in dem Ledersessel zurück, ihre Anspannung löste sich allmählich. Sie hatte sich alle möglichen Horrorszenen ausgemalt: ein Essen mit Leuten, die sie allesamt nicht kannte, eine Familienfeier oder eine dieser schrecklichen Riesenpartys. Doch nichts wies darauf hin, dass noch weitere Gäste erwartet wurden. Katrin war unschlüssig, ob ihr die Vorstellung von einem Abend zu zweit behagte. Sven, der erst seit kurzem in ihrer Abteilung arbeitete, war ein sympathischer Kollege, zwar mit Halbglatze und Bauchansatz vom Äußeren her nicht wirklich attraktiv, aber sie schienen beide einen ähnlichen Geschmack und gemeinsame Interessen zu haben, keine schlechten Voraussetzungen …
Sven kam mit zwei Sektgläsern herein und setzte sich in den Sessel gegenüber. Beim Anstoßen sahen sie einander in die Augen, lächelten sich an und dann – schwiegen sie. Katrin fiel ein, dass sie noch nie mit ihm allein gewesen war. Auf einem Tischchen entdeckte sie einen Stapel Bücher. Sie zeigte auf das obere. »Das lese ich auch gerade. Wie gefällt es dir?«
»Ich komme wenig zum Lesen«, murmelte er, sprang unvermittelt auf und suchte lange nach einer CD, bis er sich endlich für Bachs Weihnachtsoratorium entschied.
»Bachs Musik wirkt immer so beruhigend«, sagte Katrin, froh, endlich ein Thema gefunden zu haben.
»Findest du?« Sven sah sie unsicher an, während er wieder Platz nahm. »Ich stehe mehr auf Dark Wave.«
»Ah ja.« Sie hatte keine Ahnung, was das war.
Das Gespräch schleppte sich dahin. Auf ihre Fragen nach Kinofilmen und Kunstausstellungen wusste Sven nichts zu antworten, während sie sich weder mit Networking noch mit Marathonlaufen auskannte. Sie empfand Unwillen. Hier lief etwas ganz gewaltig schief. Wie sollte sie diesen Abend überstehen? Dann doch lieber allein. Sie würde jetzt sofort aufstehen und gehen. Jetzt.

Jetzt knirschte ein Schlüssel im Schloss der Eingangstür. Stimmen wurden laut, Kinder lachten, jemand rief: »Hallo, wir sind da!«
Svens Gesicht begann zu strahlen, er schnellte hoch und lief hinaus. Kurz darauf füllte sich das Zimmer. Ein älteres Paar, eine weißhaarige Dame mit Stock, eine Frau mit roten Locken, ein Junge und ein Mädchen begrüßten Katrin ganz selbstverständlich und murmelten ihre Namen. Alle gehörten wohl irgendwie zu Svens Familie. Die Kleine musterte Katrin ungeniert, fragte schnippisch: »Bist du seine neue Freundin?«, und rannte kichernd weg.
Wollte Sven sie etwa als seine Freundin präsentieren? Sie musste ihn zur Rede stellen, sah ihn aber nirgends. Weitere Gäste trafen ein: Freunde und Verwandte, wie es schien. Versteinert vor Wut stand Katrin in dem Trubel, eingeklemmt zwischen Umarmungen und Wie-geht’s-Fragen.
Endlich tauchte Sven wieder auf. Doch bevor sie sich zu ihm durchgekämpft hatte, liefen die Kinder auf ihn zu, schrien »Papa« und zerrten an seinem Arm, die Rotlockige schmiegte sich an seine andere Seite. Katrin spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung und eine große Welle der Empörung. Nein, sie hatte es wirklich nicht nötig, sich als Statistin in einer Inszenierung »Familienglück am Heiligabend« missbrauchen zu lassen. Auf der Stelle würde sie verschwinden.

Plötzlich brachen die Gespräche ab. Ein Glöckchen bimmelte, eine Schiebetür wurde aufgeschoben, die Gäste riefen »Oh« und »Ah« und drängten sich nach nebenan.
»Kommen Sie, meine Liebe«, rief die weißhaarige Dame und winkte Katrin heran.
Zögernd betrat sie das geräumige Esszimmer, in dem ein Weihnachtsbaum in Rot und Gold glänzte, dessen Spitze beinahe die Decke berührte. Dahinter war eine lange Tafel gedeckt. Jemand spielte Klavier, Weihnachtslieder wurden gesungen, das Mädchen trug ein Gedicht vor, der Junge spielte Blockflöte. Katrin schalt sich eine sentimentale Ziege, weil die Atmosphäre sie wider Willen faszinierte und berührte.
Dann begannen die Kinder, ihre Geschenke auszupacken. Die Erwachsenen schauten lächelnd zu. Nur ein Mann, der ebenfalls etwas abseits stand, betrachtete die Szene wie sie mit Skepsis. Er war etwa in ihrem Alter, schlank und hochgewachsen, hatte strubbeliges Haar und kluge Augen. Ihre Blicke begegneten sich. Katrin spürte, dass sie rot wurde, und wandte sich schnell ab.
Der besinnliche Teil des Abends schien beendet zu sein. Sektgläser wurden herumgereicht, die Gespräche setzten wieder ein. Katrin war unschlüssig, was sie tun sollte. Sie lehnte an einem der Bücheregale, die selbst hier im Esszimmer die Wände verbargen. Wie konnte jemand so viele Bücher besitzen und dann nicht lesen? Mit den Augen suchte sie die Reihen ab, zog schließlich einen Band heraus und begann zu blättern.
»Hast du meinen Bruder Jonas schon kennengelernt?« Erschrocken drehte Katrin sich um. Neben dem grinsenden Sven stand der Strubbelkopf und musterte sie aufmerksam.
»Katrin ist eine sehr nette Kollegin«, erklärte Sven seinem Bruder. »Ich wollte, dass sie mal ein richtiges Familienweihnachtsfest erlebt.«
Katrin zog die Augenbrauen zusammen. Verdammter Lügner. Jetzt durchschaute sie sein Spiel. Mit seinem Bruder wollte er sie verkuppeln. Aber nicht mit ihr. Bei nächster Gelegenheit würde sie gehen.
»Das können Sie hier bestimmt«, bestätigte Jonas ernst.
Sven blinzelte Katrin zu. »Mein Bruder behauptet immer, er würde am liebsten ganz für sich allein feiern.«
»Was diese Familie leider immer wieder zu verhindern weiß«, knurrte Jonas.
»Ja«, sagte Sven und lachte, »es geht immer reihum, das ist Tradition. Diesmal musste Jonas seine Wohnung zur Verfügung stellen, alles organisieren und unsere Eltern vom Bahnhof abholen.«
»Das hier ist Ihre Wohnung?«, stotterte Katrin und wandte sich Jonas zu.
»Natürlich.« Jonas schien irritiert. »Übrigens: Kennen Sie es?«
»Was?« Katrin starrte ihn verständnislos an. Er wies auf das Buch in ihrer Hand.
»Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern«, sagte sie lächelnd.
»Zu meinen auch.« Er erwiderte ihr Lächeln.

Zuerst abgedruckt in: Weihnachtsgeschichten am Kamin 26, gesammelt von Barbara Mürmann. Reinbek: Rowohlt 2011, S. 53-58