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Auf DADAs Spuren

Es war ein großartiges Geburtstagsfest. Im Atelier der Künstlerin Petra Paffenholz trafen sich am 3. März 2016 sieben Schreibbegeisterte, um das hundertjährige Bestehen des Dadaismus auf kreative Weise zu feiern. Als Beginn der Bewegung gilt gemeinhin der 5. Februar 1916, an dem das »Cabaret Voltaire« in Zürich gegründet wurde.

Wir spielten mit dem Zufall, produzierten Nonsens und jonglierten mit Buchstaben, Silben und Wörtern. Es machte unheimlich viel Spaß, ein dadaistisches Gedicht nach Tristan Tzara zu schreiben. Wir folgten seiner Anweisung: Die Wörter eines Zeitungsartikels ausschneiden, in eine Tüte geben, ordentlich schütteln und dann Wort für Wort wieder herausnehmen und abschreiben bzw. hintereinanderlegen. Fertig ist das Gedicht. So wird man nach Tzara zu einem »unendlich originellen Schriftsteller«.

Ebenso vergnüglich war es, Kühlschrankpoesie aus einem Häufchen Silben und Wörtern zu gestalten oder Collagen, für die Herta Müllers Collagenkunst uns wunderbare Beispiele lieferte.

 

Komischerweise fiel es gar nicht so leicht wie gedacht, wirklich sinnfreie Texte zu schaffen. Der Mensch scheint ein tiefes Bedürfnis nach Bedeutung zu haben. Ich ertappte mich dabei, dass sich bei der Durchsicht von Illustrierten immer wieder nach Zusammenhängen suchte und Wörter ausschnitt, die auf irgendeine Weise zueinanderpassten. Dabei entsprach genau das eben nicht den Intentionen der Dadaisten.

Und wie haben Sie den DADA-Geburtstag gefeiert?

Schreiben in der alten Brotfabrik

Lyrik-cmyk

Wir treffen uns an einem wirklich kreativen Ort. In der Art Factory, einer ehemaligen Brotfabrik, wollen wir den hundertsten Geburtstag des Dadaismus feiern. Die Künstlerin und Buchbinderin Petra Paffenholz begleitet uns durch den Abend, der dem Zufall als schöpferischem Prinzip gewidmet ist. Sie erhalten Anregungen für Lautgedichte und Nonsensliteratur, lernen von Tristan Tzara, wie man ein dadaistisches Gedicht schreibt,  können sich an der Gestaltung von „Arpaden“ versuchen und mit Stempeln oder Collagen arbeiten. Lassen Sie sich überraschen, wohin das Spiel mit Wörtern Sie führt. Ihr Schreibzeug bringen Sie bitte mit (Heft oder Block, Stift, Laptop etc.). (3–10 Teilnehmer)

Dada

Donnerstag, 3. März 2016; 17–20 Uhr
Kosten: 20 Euro
Ort: Atelier Petra Paffenholz, Dünnwalder Mauspfad 341, 51069 Köln-Dünnwald
Anmeldung: Schikorsky@Stilistico.de (bis 29.02.2016)

Rückblende: „Köln Spezial“ im März 2015 – Schreiben in der alten Brotfabrik

Der zweite Termin von Köln spezial führte uns nach Köln-Dünnwald in die Art Factory, ein wunderbar inspirierender Ort. Und das Besondere: Hier, wo heute rund dreißig Künstler ihre Ateliers haben, wurde fast hundert Jahre lang Brot gebacken. Überall in den Gebäuden sind noch Spuren der Brotfabrik Schnass zu finden.

Brotfabrik-HefteZunächst trafen wir uns im Atelier der Künstlerin und Buchbinderin Petra Paffenholz, die für die Teilnehmerinnen als Überraschung Notizheftchen vorbereitet hatte. Mit dem „Beschreiben“ stand diesmal eine mit der Kunst eng verwandte Schreibform im Mittelpunkt des Seminars, denn Beschreiben ist nichts anderes als „Malen mit Wörtern“. Nach einer Kennenlernrunde und einer Kurzeinführung ins Thema ging es auf Spurensuche. Wer mochte, konnte sich von Petra Paffenholz’ Plastiken und Bildern anregen lassen, in den Fluren und Treppenhäuser sowie bei der Künstlerin und Designerin Ines Braun, die extra ihr Atelier für uns geöffnet hatte, gab es ebenfalls viel zu entdecken. Dort herrschte eine sehr spezielle Atmosphäre, die manche Teilnehmerin zunächst irritierte.

Das Atelier von Ines Braun (Foto: Isa Schikorsky)

Das Atelier von Ines Braun (Foto: Isa Schikorsky)

Düsternis und Niedergeschlagenheit angesichts des Sammelsuriums legen sich wie eine Fettschicht auf meine Stimmung. Das Atelier dünstet Sterben und Vergänglichkeit aus. Ich fühle mich wie ein Kind, dass man in einem Keller eingesperrt hat. (Babette Vormann)

In diesem Raum ist es fast dunkel. Die maroden und verstaubten Kunstobjekte oder Gegenstände haben etwas Gespenstiges. Es riecht nach Trödelladen oder modrigem Keller. (Ursel Schneider-Veltrup)

Nach und nach fanden die herumirrenden Blicke jedoch Halt und entdeckten Gegenstände, die faszinierten und Erinnerungen weckten. Bei Anke Breuer führten sie zurück in die Kindheit:

Foto: Anke Breuer

Foto: Anke Breuer

Beine. Arme. Arme Beine. Arme Arme. Arme ab. Beine dran. Durcheinander. Klobige Zehen. Dünne Zehen. Fehlende Zehen. Ein paar Zehen hier. Und dort.
Lisa hieß sie.
Plastik. Stoff. Dünner Stoff. Dünner gewordener Stoff. Die Zeit. Gummi. Staub. Moder. In der Nase juckt es.
Meine Erste. Langes, schwarzes Haar. Ich habe ihr Zöpfe geflochten. Und nie wieder herausbekommen. Ich schnitt sie ab.
Lockige. Weiche. Lange. Kurze. Drahtige. Eingestaubte. Haare über Haare. Überall.
Oma hatte ihr etwas genäht. In orange. Ich wollte ein blaues Kleid. Damals.
(Den gesamten Text von „Puppentheater“ finden Sie hier …)

Ursel Schneider-Veltrup dagegen fühlte sich unvermittelt an den Anfang ihrer Berufstätigkeit erinnert.

Da steht sie: Eine Kiste mit einer weißen Plastikdecke und darauf dieses alte, gute Stück. Schwarz ist sie und oben steht in großen Lettern „Ideal“, der Firmennamen. Sie ist in einem schlechten Zustand. Die Typenhebel am Segment in der Mitte sind verrostet, die Tasten verstaubt und kaum zu bedienen. Die Walze, ursprünglich schwarz, ist grau, verwittert, alt. Das Farbband fehlt ganz. Nur die Aufhängung ist noch zu erkennen. Die Maschine ist also nicht zu gebrauchen. Alle Tasten sind zwar vollzählig und auch angeordnet wie heute auf den modernen Computern, in der Mitte mit jklö, fdsa, aber ich kann sie nicht zum Anschlagen bringen.

Sprachlich präzise, mit konkreten, genau beobachteten Details und verschiedenen Sinnen wurden die Stimmung des Raums und die ihn füllenden Dinge wahrgenommen. Nicht alle Teilnehmerinnen blieben in der realen Welt. Die von den teilweise verfremdeten Objekten ausgelösten Assoziationen führten sie weit über die Gegenwart von Ort und Zeit hinaus:

Foto: Monika Schmitt

Foto: Monika Schmitt

Gammaquadrant +127° 55“ 23‘ , der Mond Proteus des Planeten Triton kreist in gleichem Drehsinn aber dennoch in gebührendem Abstand um dessen Achse. Unwirkliche Landschaft, staubig, kalt und menschenleer. Und mitten in dieser kargen Landschaft eiert ein kleines Ding langsam vorwärts. Ferngesteuert. In der Stille quietscht es kaum hörbar auf seinem Weg zum nächsten Felsen. Die Unebenheiten nimmt es locker mit der ausgefeilten Technik: vier Räder, zwei große hinten, zwei kleine in der Mitte hintereinander. Sie sorgen mit ihrem Radlager für eine behände Beweglichkeit. Sauerstoffgehalt 0 %, Schwefelwasserstoff 80 %. Es stinkt nach faulen Eiern. (Monika Schmitt)

Auch Babette Vormann entdeckte schließlich etwas, das ihren ersten Eindruck revidierte. Es waren – ausgerechnet – Insekten.

[Insekten] aus Fahrradreflektoren, Schrauben und Drähten gebastelt. Sie sprühen geradezu vor Lebenslust, indem sie in einem leuchtenden Orange das spärliche Nebellicht reflektieren, das durch die verstaubten Fenster den Weg zu ihnen gefunden hat. Es wirkt so, als würden sie Tiefseefischen ähnlich von selber leuchten. Sie trotzen der Trostlosigkeit wie aufkeimende Frühlingsblumen, die durch eisige, verkrustete Böden ihre bunten Blüten offenbaren. Die Käfer faszinieren mich, denn sie zeigen mir mit ihrer überraschenden Frische, dass selbst im tiefsten Grau Hoffnung und Beginn lauern.

In der abschließenden Leserunde wurden wunderbare Beschreibungen voller Assoziationen vorgestellt. Manche komisch und skurril, andere ernst und melancholisch, alle ganz individuell.

Ein ganz herzliches Dankeschön geht an Ines Braun und Petra Paffenholz, die uns diesen anregenden Nachmittag ermöglichten: Petra Paffenholz bietet in ihrem Atelier regelmäßig Buchbinde-Workshops an, die nächsten finden am 25. April und 13. Juni statt. Die Kunst von Ines Braun können Sie ab 17. Mai 2015 im Westfälischen Landesmuseum Herne kennenlernen, denn dann wird die Sonderausstellung „AberGlaube“ eröffnet, in der sie und eine Kollegin mit über 150 Kunstobjekten einen außergewöhnlichen Bezug zu den jahrtausendealten archäologischen Funden herstellen.

Und ein ebenso herzliches Dankeschön an Anke Breuer, Monika Schmitt, Ursel Schneider-Veltrup und Babette Vormann, die mir erlaubten, hier Ausschnitte aus ihren Texten vorzustellen.

Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben auf „Köln spezial“: Am 21. Mai 2015 steht Schreiben in der Flora auf dem Programm. Dann können Sie sich von Blumenduft, Vogelgezwitscher und Blätterrauschen zu Gedichten und Geschichten inspirieren lassen.

Geschichten hinter den Dingen

Alle Dinge können zum Schreiben anregen. Das können Fundstücke von Wanderungen oder Spaziergängen sein, Ausstellungsstücke im Museum, Schnäppchen vom Flohmarkt, Souvenirs und vieles mehr. Legen Sie den Gegenstand vor sich auf den Tisch oder – im Museum – setzen Sie sich davor, und betrachten Sie ihn ausgiebig, mindestens fünf Minuten, besser länger. Wenn möglich, nehmen Sie ihn in die Hand, betasten ihn, riechen daran. Vielleicht ist sogar etwas zu hören? Machen Sie sich Notizen. Suchen Sie bei einem offensichtlich schönen Gegenstand nach dem Makel, der Delle, dem Fehler. Wirkt er auf den ersten Blick unansehnlich, suchen Sie nach dem verborgenen Reiz, dem faszinierenden Detail. Welche Erinnerungen oder Assoziationen verbinden Sie mit dem Gegenstand? Welche Gefühle weckt er? Wer mag ihn hergestellt haben? Wer mag ihn genutzt haben? Welches Geheimnis birgt er? Fällt Ihnen eine Geschichte ein, in der der Gegenstand eine Rolle spielt? Oder erzählt er Ihnen selbst von seinen Erlebnissen? Schreiben Sie auf, was Sie erfahren.

Koeln-Brotfabrik-3

Wenn Sie Lust haben, an einem ganz besonders inspirierenden Ort nach Geschichten hinter Dingen zu forschen, sollten Sie sich zum Schreiben in der alten Brotfabrik am 19. März 2015 (17 bis 20 Uhr, Köln-Dünnwald) anmelden. Wo bis vor einigen Jahrzehnten Backwaren aller Art produziert wurden, arbeiten heute dreißig Künstler. Überall im Gebäude entdecken Sie Spuren der Vergangenheit und Impulse für alte und neue Geschichten. Anregungen finden Sie im Atelier der Künstlerin und Buchbinderin Petra Paffenholz, unserem Treffpunkt, aber auch an vielen anderen Stellen und vor allem in dem Atelier von Ines Braun, das einem Museum gleicht und eine wahre Fundgrube für skurrile Texte und Impressionen ist.