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Erzählperspektiven verschränken – ein Beispiel

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Das Thema »Erzählperspektiven« ist mir als Leserin, Autorin und Lektorin besonders wichtig, denn daran erkennt man schnell, ob jemand sein Handwerkszeug beherrscht oder nicht. Dass die Anwendung nicht beliebig ist, sondern in engem Bezug zum Inhalt des Erzählten steht, lässt sich am Beispiel von Dieter Wellershoffs Roman »Der Liebeswunsch« illustrieren. Er hat die Perspektiven der vier Hauptfiguren auf raffinierte Weise miteinander verschränkt. Der Roman handelt von zwei Frauen und zwei Männern, die durch wechselnde Liebes- und Freundschaftsbeziehungen miteinander verbunden sind. Es gibt Kapitel, in denen Paul, Marlene und Anja selbst erzählen, und andere, in denen ein Er- oder Sie-Erzähler ihnen oder auch dem vierten Protagonisten, Leonhard, folgt. Außerdem gibt es Passsagen, in denen ein überschauender, aber neutral-objektiv bleibender Erzähler auftritt. Bemerkenswerterweise kommt Leonhard als Einziger nicht mit eigener Stimme zu Wort (außer im Dialog). Damit unterstreicht Wellershoff die Rolle des Juristen als ratio­nalem, sehr sachorientiert handelndem Gegenpart zu den drei anderen, emotional unsteten, von einer Gefühlskrise in die andere schlitternden Figuren. Manche Geschehnisse werden aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. So heißt es zum Beispiel aus Anjas Perspektive:

Am Abend vor meinem dreiunddreißigsten Geburtstag kamen Paul und Marlene zu Besuch. (S.100)

Im nächsten Kapitel dann schildert ein Er-Erzähler dieses Ereignis aus Leonhards Sicht in der Rückblende:

Heute war Anjas Geburtstag. Und gestern waren Marlene und Paul zum Romméabend gekommen, um mit ihnen in den Geburtstag hinüberzufeiern. Er war dankbar gewesen, daß sie zugesagt hatten. (S. 123)

Da in »Der Liebeswunsch« zu Beginn der Kapitel die Perspektivfigur nicht immer ausdrücklich genannt wird, ist es zuweilen mühevoll, sie zu identifizieren. Doch diese Erzählweise korrespondiert überzeugend mit dem Inhalt. Die perspektivischen Überblendungen und Verknüpfungen machen die Labilität und Störanfälligkeit von Beziehungen deutlich, denn Wellershoffs Roman handelt ähnlich wie Goethes »Wahlverwandtschaften« von den Anziehungs- und Abstoßungskräften zwischen Paaren. Das Handeln einer Figur wirkt sich immer auch auf die anderen aus, jeder ist zugleich Täter und Opfer, verletzt andere und wird selbst verletzt. Die Vielfalt der Per­spektiven lässt dieses Geflecht aus Liebe, Vertrauen, Verrat und Verzweiflung für den Leser unmittelbar anschaulich und emotional nachvollziehbar werden.

Dieter Wellershoff: Der Liebeswunsch. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2000

Mehr zum Thema: Isa Schikorsky: Helden, Helfer und Halunken. Perfekte Figuren für Ihren Roman. Ein Schreibratgeber. Norderstedt: BoD 2014

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