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Zutiefst berührend. Großartig! – Achim Freudenberg: „Das Mädchen auf der anderen Seite“

Wann habe ich zum letzten Mal (beinahe) die Nacht durchgelesen? Das ist ewig her. Doch mit Achim Freudenbergs Debütroman „Das Mädchen auf der anderen Seite“ ist es mir so ergangen. Die Handlung ist so vorwärtsdrängend und spannend, die Cliffhanger sind so raffiniert gesetzt, dass man das Buch nur sehr schwer aus der Hand legen kann. Und das, obwohl ich eigentlich allergisch bin gegen jede Form von Übersinnlichkeit.

Freudenberg-Cover

Erstaunlicherweise findet man es relativ schnell ganz normal, dass die Hauptfigur, die Radiojournalistin Eva Bottin, Tote sehen kann und mit ihnen zu kommunizieren vermag. Es wirkt selbstverständlich, weil Bottin als sehr rational denkende Person eingeführt wird, die zunächst selbst an ihrer Wahrnehmung zweifelt und erst allmählich begreift, dass sie offenbar über eine besondere Gabe verfügt. Gerne folgt man der etwas schusseligen, aber sehr sympathischen Protagonistin durch ihren chaotischen Alltag. Mehr als einmal möchte man sie warnen, dieses oder jenes besser sein zu lassen, stürzt sich dann aber trotzdem mit ihr in die nächste gefährliche Situation. Traut sie sich doch Dinge zu, über die man lieber nur liest, statt sie selbst zu erleben.

Eva Bottins spezielle Fähigkeit ist der Motor für die Geschichte. Die Journalistin gerät immer stärker in die Rolle der Ermittlerin, bei ihr laufen die anfangs verwirrend vielen Handlungsstränge zusammen. Überzeugend motiviert ist ihr Aktionismus durch die Sorge um den verschwundenen besten Freund. Dass ihr Liebhaber Polizist ist, erweist sich zuweilen für ihre Nachforschungen als ausgesprochen hilfreich.

Für jemanden wie mich, die ansonsten Kuschelkrimis bevorzugt, waren die Szenen, in denen die brutalen Taten akribisch beschrieben werden, kaum zu ertragen. Doch diese Schilderungen, die durch die extreme Nüchternheit der Sprache umso grausamer wirken, sind dramaturgisch berechtigt und notwendig. Das versteht man am Ende, wenn man die Vorgeschichte kennt. Denn hier geht es nicht um eine Darstellung von Brutalität um der Brutalität willen. Freudenberg gelingt es eindrucksvoll, das Grauen physisch wie psychisch ganz nah zu zeigen. Dass die Frage nach Täter und Opfer nicht so einfach und eindeutig zu beantworten ist, wie manch simpel gestrickter Krimi uns weismachen will, wird bereits in dem ergreifenden Prolog deutlich. Ein Roman, der fassungslos macht, zutiefst berührt und vor Spannung vibriert. Großartig!

Achim Freudenberg: Das Mädchen auf der anderen Seite. Thriller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt TB 2016, 400 S., 9,99 Euro