Buchtipp: „Das Alphabet des Denkens“

CoverAlphabetdesDenkensDiesmal empfehle ich keinen Schreibratgeber, sondern ein Sachbuch darüber, „Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt“ – so der Untertitel. Die faszinierenden und teilweise sehr verblüffenden Forschungsergebnisse, die Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen präsentieren, können gleichwohl den Handwerkskoffer jeder Autorin und jedes Autors bereichern. Drei Hauptkapitel handeln davon, wie Wörter wirken, was sie über uns verraten und wie wir sie für unsere eigenen Interessen nutzen können. Für Schreibende besonders interessant sind die Ausführungen zur Wirkung von Metaphern, zu den Assoziationen und Emotionen, die sich allein durch den Klang von Wörtern und Namen erzeugen lassen, und zum Zusammenhang von Emotionen und Schimpfwörtern sowie von Funktionswörtern und Charaktereigenschaften. Sie erfahren unter anderem, warum Metaphern von der „kranken“ Wirtschaft im Winter öfter verwendet werden als im Sommer, was ein Wort wie „Steueroase“ über die politische Einstellung des Sprechers verrät, wieso beinahe alle Menschen einem gezackten Fantasiegebilde den Namen „Kiki“, einem gerundeten dagegen „Bouba“ zuordnen. Und dass sich nach dem Gebrauch von Funktionswörtern wie Artikel, Zahlen, Präpositionen, Konjunktionen und Pronomen drei Denktypen unterscheiden lassen: der Formalist, der Analytiker und der Erzähler.

Lyriker lernen etwas über die emotionale Wirkung von Lauten und Wörtern; Schreiber von Romanen und Erzählungen bekommen wissenschaftlich bestätigt, dass allein schon der Klang eines Namens eine bestimmte Erwartung beim Leser aufbaut. Die Erkenntnisse über die Verwendung von Funktionswörtern können genutzt werden, um eine Figur in der wörtlichen Rede unterschwellig zu charakterisieren. Das gilt auch für die Feststellung, dass Menschen vor allem in emotional sehr belastenden Situationen fluchen. Irritationen beim Leser vermeiden kann, wer weiß, dass in Metaphern stets die konkrete Bedeutung mitschwingt. Wer in einer Geschichte etwa die Redensart „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ verwendet, schickt den Leser gedanklich in den Garten oder auf eine Streuobstwiese. Es ist also kontraproduktiv, diesen Satz zu verwenden, wenn der Held in einem finsteren Verlies kauert, und der Leser dessen Gefühle von Einengung und Angst mitempfinden soll. Das sind nur einige wenige Beispiele für die praktische Anwendbarkeit der im Buch referierten Forschungsergebnisse für Autorinnen und Autoren. Aber natürlich erfährt man auch sehr viel über bewusste und unbewusste Wirkweisen von Sprache auf sich selbst.

Ich fand das Buch sehr spannend und anregend, bin allerdings als Sprachwissenschaftlerin auch in Hinblick auf Vorwissen und Interesse in einer besonderen Situation. Das Buch hält zwar weitgehend die Mitte zwischen Sach- und Fachbuch, ist also auch für den Laien gedacht, doch Sie sollten sich schon für linguistische Fragestellungen interessieren, um es mit Gewinn zu lesen. Andernfalls kann es sein, dass die ausführlichen Beschreibungen der Versuchsanordnungen Sie auf Dauer doch langweilen.

Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen: Das Alphabet des Denkens. Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt. Reinbek:Rowohlt 2015, 318 S., 19,95 Euro

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2 Gedanken zu „Buchtipp: „Das Alphabet des Denkens“

  1. ladyfromhamburg

    Danke für die Vorstellung dieses Buches! Das klingt derart interessant für mich, dass ich mir das „Alphabet des Denkens“ und die beiden Autorinnen gleich separat notiert habe.

    LG Michèle

    Antwort

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