Die Zeit als Strukturelement des Erzählens

Zeit-Uhren

Wer einen Roman plant, macht sich in erster Linie Gedanken über den Inhalt und die Entwicklung einer fesselnden Handlung. Schon dabei kommt der Faktor Zeit ins Spiel. Wann soll der Roman beginnen? Wer zu früh einsetzt und zunächst lang und breit den Alltag des Protagonisten schildert, bis endlich das »Primärereignis« (Elizabeth George) den Status quo ändert und zum Konflikt führt, langweilt seine Leser. Wer kurz vor oder mitten im Konflikt anfängt, erzeugt mehr Spannung, glaubt aber oft, er müsse die Vorgeschichte ganz schnell nachtragen. Wenn das in umfangreichen Rückblenden innerhalb einer Szene geschieht, ist die positive Wirkung des direkten Einstiegs möglicherweise gleich wieder verpufft. Ansonsten ist das chronologisch vorgängige Erzählen die am häufigsten gewählte Darstellungsform der Zeit. Es ist zugleich die natürlichste, denn die reale Zeit kennt nur eine Richtung: vorwärts.
Genau das ist jedoch der Punkt, der manchen Autor und manche Autorin zum Experimentieren reizt. Im literarischen Werk kann die Zeit auch anders laufen: Sie kann vor- und zurückspringen, gedehnt, gestaucht oder punktuell beleuchtet werden oder gleichmäßig fließen. Auch konventionelle Inhalte lassen sich durch eine raffinierte Zeitgestaltung aufpeppen. Hier ein paar spezielle Beispiele:
Zu besonderer Meisterschaft hat es Margriet de Moor gebracht, die als ausgebildete Musikerin ein tiefes Gespür für Rhythmus und Komposition besitzt. In ihrem Roman Sturmflut (2006) erzählen zwei parallel geführte Handlungsstränge chronologisch vorgängig das Erwachsenenleben zweier Schwestern. Immer im Wechsel von Kapitel zu Kapitel bis zum Tod. Das klingt unspektakulär, doch: Das Leben der einen Schwester dauert vom Erzählbeginn an nur noch drei Tage – sie ertrinkt während der großen Sturmflut in Holland –, das der zweiten viele Jahrzehnte. Im ersten Fall wird die Zeit extrem gedehnt, im zweiten deutlich gerafft. Ein kunstvoller, aber plausibler Kniff. Denn die Ertrunkene wird nicht gefunden, sie lebt jedoch in den Gedanken der anderen Schwester weiter bis zu deren eigenem Tod.
Starke Verunsicherung löst das Prinzip der rückläufigen Chronologie aus, das Marlene Streeruwitz in ihrem Roman Partygirl (2002) anwendet. Sie erzählt die Biografie ihrer Haupt­figur Madeline vom Schluss her. In unregelmäßigen Abständen von drei, fünf oder sieben Jahren springt die Handlung zurück vom einundsechzigsten bis zum elften Lebensjahr. Dreizehn Momentaufnahmen beleuchten jeweils eine kurze Szene von ein paar Stunden: zum Beispiel den Vormittag, an dem die Achtzehnjährige die Schule schwänzt und auf ihren Bruder wartet, oder die Zeitspanne, die es braucht, um eine Sachertorte zu backen. Das Erzählen im Rückwärtsgang hält den Leser auf Distanz und verhindert eine Identifikation mit der Hauptfigur. Am Ende ist keine harmonisch sich zum Ganzen fügende Biografie erkennbar, sondern ein fragmentarisierter Lebenslauf des Scheiterns.
Überzeugend löst Arno Geiger in Es geht uns gut (2005) das Problem von Familiengeschichten, die oft langatmig werden, wenn sie starr der Chronologie folgen. Er widmet einen Erzählstrang dem Studenten Philipp, der die Villa seiner Großeltern geerbt hat und sie ausräumen muss. Diese zwei Monate umfassende Geschichte mit eigenem Spannungsbogen wird unterbrochen durch acht Kapitel, die punktuell prägende Ereignisse der Familiengeschichte schildern. Das jeweilige Datum wird als Überschrift vorangestellt und erleichtert dem Leser die Orientierung. Er verirrt sich nicht in einem Labyrinth vielfach geschachtelter Rückblenden.
Wenn Sie Ihre Lieblingsbücher unter dem Aspekt der Zeitgestaltung betrachten, finden Sie sicher noch viele andere Modelle. Und vielleicht überlegen Sie sich für Ihren nächsten Roman ebenfalls ein ganz besonderes Zeitkonzept?

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