Groß oder klein? Anredepronomen richtig schreiben

Anrede

»Bitte reichen Sie (oder sie?) mir das Brot«, sagte der Baron zu seiner Tischdame. »Kannst du (oder Du?) mir mal die Butter geben?«, sagte Karl zu Eva. – Dass die Orthografie ein weites und schwieriges Feld ist, wissen Sie aus eigener Erfahrung. Zusätzlich erschwert wird das Bemühen um korrekte Schreibweisen durch die verschiedenen Reformen der Reform und die absichtlichen oder unabsichtlichen Fehler im öffentlichen Sprachgebrauch. Selbst auf amtlichen Straßenschildern sind falsche Strassen auf dem Vormarsch. Zu den verbreiteten Problemfällen in Erzähltexten gehört die Schreibung der Anredepronomen, insbesondere in Dialogen.Im Prinzip ist es ganz einfach: Die Höflichkeitsanrede Sie, Ihnen bzw. Ihr (als Possessivpronomen) wird IMMER großgeschrieben, sowohl in der wörtlichen Rede als auch in Briefen. Aber natürlich nur, wenn Menschen tatsächlich direkt angesprochen werden, zum Beispiel in: Wir danken Ihnen und wünschen Ihnen ein gutes neues Jahr. Dagegen ist in einem Satz wie Wir danken allen Lesern und wünschen ihnen ein gutes neues Jahr Kleinschreibung korrekt, denn ihnen bezieht sich hier auf alle Leser. Es wird nicht als Anrede gebraucht.
Ebenso eindeutig regelte die Rechtschreibnorm von 1996 die Schreibung für die Anredepronomen in der zweiten Person: du und ihr und die Possessivpronomen dein und euer. In der Ausgabe »Richtiges und gutes Deutsch« von 2005 heißt es noch, diese Wörter werden »immer kleingeschrieben, d. h. sogar dann, wenn eine Person oder Gruppe unmittelbar angesprochen wird, wie z. B. in Briefen, in feierlichen Aufrufen und Erlassen, in Wahlaufrufen, Grabinschriften, Widmungen auf Kranzschleifen, in Bemerkungen des Lehrers unter Klassenarbeiten, auf Fragebogen«. So weit, so klar. Doch dann kam die Reform der Reform und deshalb ist seit 2006 sowohl das eine wie das andere zulässig: In Briefen dürfen diese Anredepronomen jetzt wieder großgeschrieben werden. Und nicht nur dort, sondern überhaupt in »allen Textformen, in denen der Autor selbst den Leser direkt anredet«, beispielsweise in Lehrerkommentaren unter Texten von Schülern. Für die wörtliche Rede gilt das aber (seltsamerweise) nicht, hier wird grundsätzlich kleingeschrieben. In Werbeanzeigen ist Kleinschreibung korrekt, weil es sich dabei um keine persönliche Anrede handelt.
Übrigens: Für diese wie für zahllose andere Probleme ist noch immer der gute alte Rechtschreibduden in der jeweils aktuellen Ausgabe (2017) zu empfehlen. Gleich daneben steht bei mir der gleichermaßen viel genutzte Band 9 der Dudenreihe: »Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. Richtiges und gutes Deutsch«. (2016)

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