Fluch und Segen: die Rückblende

RueckblendeDas Image der Rückblende ist zwiespältig. Mein Eindruck: Autoren lieben sie, Lektoren ist sie ein Dorn im Auge, vor allem, wenn zeitlich zurückgesprungen wird, ehe die Geschichte überhaupt richtig begonnen hat. Anna ging durch den Park. Sie erinnerte sich an ihre Schulzeit. Immer war sie Außenseiterin gewesen, nie hatte sie eine Freundin gehabt. Schon davor, im Kindergarten, hatte niemand sie gemocht … Einen solchen Einstieg sehe ich als Lektorin tatsächlich kritisch. Bevor wir die Anna von heute kennenlernen, werden wir mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Der Autor tritt auf die Bremse, ohne das Gaspedal auch nur angetippt zu haben. Er mag einwenden, dass er die Hauptfigur vorstellen möchte. Um deren Handeln zu verstehen, müsse man mit ihrer Kindheit vertraut sein. Doch im Fall der Rückblende ist es in der Literatur wie im wirklichen Leben: Erst wenn wir jemanden so weit kennengelernt haben, dass wir ihn sympathisch oder interessant finden, wollen wir etwas über sein Vorleben wissen. Bei Menschen, die uns gleichgültig lassen, stellt sich dieser Wunsch nicht ein.
Deshalb hat die Rückblende ihren Platz üblicherweise an zweiter Stelle des Erzähltextes. Geben Sie dem Leser zuvor die Chance, etwas über die Hauptfigur zu erfahren, und zwar nicht unbedingt Alter, Größe und die gesamte bisherige Biografie, sondern eine Eigenschaft, Angewohnheit oder Handlungsweise, die neugierig macht. Großartig gelingt das etwa Anna Katharina Hahn in ihrem Roman „Kürzere Tage“ (2009). Am Anfang erlebt der Leser Judith, in einer gutbürgerlichen Gegend lebend, die heimlich und mit schlechtem Gewissen eine Zigarette raucht, nachdem Mann und Kind die Wohnung verlassen haben. Schnell ergeben sich ganz unterschiedliche Fragen: Wieso ist sie nicht disziplinierter? Oder: Wieso versteckt sie sich und steht nicht zu ihrem Tun? Und: Passt sie überhaupt in dieses Milieu, in dem sie nicht handeln kann, wie sie möchte? Weil man nach Antworten sucht, folgt man Judith gern in die schon auf der dritten Romanseite beginnende Erinnerung an ihre Studentenzeit, als sie sich bereits morgens im Bett die erste Zigarette ansteckte. Der Effekt: Das Interesse wird noch gesteigert. Jetzt will man unbedingt wissen, wie die unkonventionelle junge Judith in diese geordnete Bürgerwelt geraten ist.
Ebenfalls zu empfehlen: Gestalten Sie eine Rückblende bildhaft und szenisch, denn so funktioniert auch unsere Erinnerung. Ein abstrakter Satz wie In meiner Schulzeit wurde ich immer ausgegrenzt stammt nicht aus dem Gedächtnis, sondern ist das Ergebnis späterer Analyse. In unserem Kopf sind Bilder und Szenen gespeichert: Von dem Mädchen, das in der Pause ganz allein am Rand des Schulhofs steht, beim Sport stets als Letzte in eine Mannschaft gewählt wird etc.
Achten Sie zusätzlich darauf, dass der Übergang von der Erzählgegenwart in die Rückblende stimmig und plausibel ist. Wer gerade ein dringendes Problem zu lösen hat, denkt nicht an seine glückliche Kindheit. Assoziationen zu Begriffen, Erlebnissen oder Wahrnehmungen sind ideale Auslöser für Rückblenden. So kann etwa der Geruch von Zimt an die gemeinsame Weihnachtsbäckerei mit der Großmutter erinnern, und von dort aus weiter zu anderen Kindheitserlebnissen oder zum Verhältnis zur Großmutter führen.
Schließlich: Wenn Sie mit Rückblenden arbeiten, sollten Sie die Handlung im erzählerischen Hier und Jetzt im Blick behalten. Auch auf dieser Ebene sollte etwas für die Geschichte Relevantes geschehen. Vorsicht ist insbesondere bei mehrfach geschachtelten Rückblenden angebracht. Wird ganz schnell mehrere Zeitebenen zurückgesprungen, verliert neben dem Leser auch der Autor leicht den Überblick und findet nicht wieder zurück in die Gegenwart.

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