Klagenfurt oder Vom Umgang mit Kritik

Bachmannpreis

Geht es Ihnen wie mir? Sie haben eine tolle Idee, schreiben Stunden und Tage, streichen und ändern, suchen nach dem treffenden Wort und der besten Formulierung und sagen sich irgendwann: Das ist er, der perfekte Text! Und dann trauen Sie sich endlich, den Text einem kritischen Leser zu geben oder im Schreibkurs vorzulesen. Was erwarten Sie? Vielleicht schon den einen oder anderen kleinen Hinweis auf eine Änderung, vor allem aber Lob, Lob, Lob. Nein, widersprechen Sie mir nicht, ich rede aus eigener Erfahrung. Und was hören Sie? Entweder ein pauschales »Toll!« oder Mäkeleien und Spitzfindigkeiten, die vor allem eines zeigen, dass die Leser oder Hörer Ihrer wunderbaren Erzählung oder Ihres tiefsinnigen Gedichtes nichts, rein überhaupt nichts verstanden haben. Die Folgen: Sie werden erst wütend, dann depressiv, bekommen eine Schreibblockade und sind beseelt von dem Wunsch, alles zu zerreißen, die Festplatte zu löschen, nie wieder auch nur eine Zeile zu schreiben. Und schließlich tröstet Sie der Gedanke: Wenn ich erst bekannt und berühmt bin, dann pfuscht mir niemand mehr in meine Manuskripte.
Doch diese Vorstellung gehört (leider) ins Reich der Märchen. Auf die Frage, ob es ein perfektes Manuskript gäbe, antwortete der Lektor Christian Döring in einem Interview ganz lapidar: »Auch die Texte großer Autoren […] bedürfen der Bearbeitung.« Wenn Sie erfahren möchten, was es an den Texten von 14 teilweise schon recht erfolgreichen Autoren und Autorinnen so alles zu meckern gibt, sollten Sie (auf 3sat) die Liveübertragung der Tage der deutschsprachigen Literatur einschalten, die immer Anfang Juli in Klagenfurt stattfinden. In diesem Jahr vom 5. bis 8. Juli. Geboten wird das Wettlesen um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis und vier weitere hochrangige Auszeichnungen. Die geladenen Autoren lesen maximal 25 Minuten vor dem Studiopublikum und der siebenköpfigen Jury aus Literaturkritikern, Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern. Im Anschluss schweigt der Autor und die Juroren haben das Wort. Die sind selten einer Meinung und nicht zimperlich mit ihrer Kritik. Natürlich gibt es Lob, häufiger aber Tadel, und so wird einem Text auch schon mal bescheinigt, er sei ein »fünffacher Flop«, »überflüssig« oder »gehe auf die Nerven«.
Unter www.bachmannpreis.orf.at finden Sie die Wettbewerbe der letzten Jahre ausführlich dokumentiert, aber auch die jeweils aktuellen Informationen. Wenn Sie die Zeit und Lust haben, können Sie sich selbst ein Urteil bilden. Sie können die Texte, die gelesen werden, vorab herunterladen, können die Biografien der Autorinnen und Autoren studieren, Ihre eigenen Favoriten küren und prüfen, ob Ihre Bewertungen mit den Auffassungen der Juroren übereinstimmen oder nicht.
Falls Sie mit dem Gedanken spielen, sich im nächsten Jahr selbst zu bewerben: Die Hürden sind hoch. Wenn Sie die schriftliche Empfehlung einer Literaturzeitschrift oder eines Verlages besitzen, können Sie sich mit Textproben (unveröffentlichten Prosatexten) an Mitglieder der Jury wenden (Namen und Anschriften im Internet). Die Auswahl der Teilnehmer liegt allein bei der Jury.
Dazu noch ein Literaturtipp: Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt. Gebrauchsanleitung zum Lesen und Schreiben. München: Heyne 2010

Ein Tipp aus dem Schreibratgeber:
AusLektorat-72

Aus dem Lektorat. 50 Tipps zum Schreiben und Veröffentlichen. Norderstedt: BoD 2009, 10 Euro.

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Demnächst auch in dem Sammelband:
Aus dem Lektorat 1 und 2. 100 Tipps zum Schreiben und Veröffentlichen. Norderstedt: BoD 2018, 12,90 Euro.

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