Der Stoff, aus dem Geschichten werden

Erzaehlstoff

»Stoff, das fiktive oder realistische Material, das durch einen Autor gestaltet wird, der erfundene oder in Mythos, Religion, Geschichte, Zeitereignissen oder in der Dichtung anderer Autoren gefundene Geschehniszusammenhang (Fabel, Plot), den er einer Dichtung zugrunde legt.« So definiert der Literatur-Brockhaus den Begriff »Stoff«. Im Grunde hat der literarische Stoff dieselbe Funktion wie ein Kleider- oder Gardinenstoff: Er ist das Material, aus dem Geschichten geschneidert werden. Wie kommt man an einen geeigneten Stoff? Man kann ihn natürlich selber weben. Aus den Erfahrungen des eigenen Lebens entstehen Stoffe, deren Materialeigenschaften man genau kennt, aus denen sich aber, je nachdem, was man erlebt hat, möglicherweise nur schlichte und praktische Alltagskleidung nähen lässt. Warum also nicht auf einen bereits gewebten Stoff zurückgreifen? Es gibt Ereignisse und Biografien, die funkeln wie Brokat, sind aufregend wie Chiffon oder knistern vor Spannung wie Seide. Und das Beste, Sie erhalten diese »edlen« Materialien ganz umsonst, wenn Sie nur die Augen offen halten. Etwa bei der Zeitungslektüre. Vor allem die kleinen Artikel unter Vermischtes (in den weniger intellektuellen Blättern) liefern Ihnen Stoffe ballenweise: Tod nach dem Verzehr von Tiramisu oder Hund erschießt Herrchen. Ich liebe außerdem Todesanzeigen und Spaziergänge über Friedhöfe, die Stoff für Familiengeschichten über Generationen bieten. Des Weiteren können Erzählungen von Freunden, belauschte Gespräche in der Straßenbahn, Reportagen im Fernsehen oder Bücher als Stofflieferanten fungieren.

Eine ungemein reichhaltige Quelle entdeckte ich vor einiger Zeit eher zufällig. Das große Buch der Listen (2005) von David Wallechinsky bietet nämlich, anders als der Titel ahnen lässt, nur wenige Listen, dafür aber ganze Berichte über kuriose und fast unglaubliche Geschehnisse. So findet sich unter »18 seltsame Tode« der Fall eines Mannes, der von einem Roboter getötet wurde. Es gibt »23 Dinge, die vom Himmel fielen«, »20 denkwürdige Küsse« und »10 bemerkenswerte Mansardengeschichten«. Auch aus »10 eigentümlichen Beschwerden« lassen sich allerhand Geschichten schneidern, zum Beispiel über Phänomene wie »Mohrrübenabhängigkeit« oder »Bestecksucht«.

Und schließlich können Sie dem Beispiel berühmter Schriftsteller folgen und Stoffe aus Mythos, Religion, Geschichte und Literatur gestalten, die über Jahrhunderte hin die Grundlage der Weltliteratur bildeten. Anregungen dazu erhalten sie aus dem Buch Stoffe der Weltliteratur (2005) von Elisabeth Frenzel. Hier lernen Sie wahrhaft dramatische Biografien kennen und erfahren, wie unterschiedlich sie im Verlauf der Zeit gestaltet wurden. Es kann ungemein produktiv sein, sich zu überlegen, wie heute die Geschichte einer Frau erzählt werden könnte, die aus Liebe zu einem Mann selbst vor einem Mord nicht zurückschreckt. Und die dann, als sie ihm den Weg zu Macht und Ruhm geebnet hat, von ihm verlassen wird. Sie hat nur noch einen Gedanken: Rache. Und um dem Mann wirklich alles zu nehmen, tötet sie nicht nur seine Geliebte, sondern auch ihre eigenen Kinder. Was für ein Stoff! Welche literarische Gestalt er zwischen Altertum und Gegenwart angenommen hat, können Sie unter dem Stichwort »Medea« nachlesen.

Ein Tipp aus dem Schreibratgeber:
AusLektorat-72

Aus dem Lektorat. 50 Tipps zum Schreiben und Veröffentlichen. Norderstedt: BoD 2009, 10 Euro.

Portofreie Bestellungen im BoD-Buchshop oder bei Amazon.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s