Eine Frage der Zeit: Präsens oder Präteritum?

Präsens oder Präteritum

Es ist eine der Fragen, die in meinen Seminaren am häufigsten und kontroversesten diskutiert wird: In welchem Tempus, also welcher Zeitform, soll ein Roman oder eine Erzählung geschrieben werden?

Eigentlich muss darüber nicht diskutiert werden. Erst das Erleben, dann das Erzählen. Am Anfang steht ein Geschehen, das anschließend zur Geschichte wird, so ist der folgerichtige zeitliche Ablauf. Deshalb ist das Präteritum die klassische Zeitform der Narration und zugleich die logische. Eigentlich.

An diesem Punkt der Diskussion meldet sich regelmäßig jemand zu Wort und sagt, er habe neulich diesen Roman von der oder dem gelesen, der sei im Präsens geschrieben und deshalb spannender als andere Bücher gewesen. Dieses Argument wird oft benutzt: Präsens wirke näher dran, aufregender, dramatischer. Um das zu überprüfen, habe ich drei Thriller aus dem Regal gezogen, die sicher nicht in Verdacht stehen, langweilig zu sein: Dan Browns Illuminati (2003), Melanie Raabes Die Falle (2015) und Passagier 23 (2014) von Sebastian Fitzek – alle verwenden das Präteritum. Ein langatmiger Text wird durch die Verwendung des Präsens nicht spannender.

Allerdings gilt: Schriftsteller sind frei in ihren Entscheidungen, nicht gezwungen, sich an grammatische oder orthografische Regeln zu halten.

Und so gibt es eine Reihe von Autoren, die manchmal oder sogar ausschließlich diese Zeitform benutzen, weil sie überzeugt sind, dass es die bessere ist. Spannungsverstärkung ist dabei nur ein Faktor. Das Präsens soll außerdem Unmittelbarkeit suggerieren, so wie wir es aus visuellen Medien kennen. Wenn der Eindruck erzeugt wird, etwas geschehe jetzt, in genau diesem Moment, verkürze sich die Distanz zwischen Leser und handelnder Figur, so die Theorie.

Aus diesem Grund ist das Präsens in modernen Kinderromanen außerordentlich beliebt. Da für Kinder die Identifikation mit den Protagonisten eine wichtige Rolle spielt, wollen manche Autoren und Lektoren diese Annäherung durch das Präsens unterstützen. Ob das wirklich funktioniert? Ein kurzer Blick in die Klassiker zeigt, dass zum Beispiel Emil Tischbein, Pippi Langstrumpf und Pu, der Bär zu den Lieblingen der Kinder wurden, obwohl (oder weil?) ihre Abenteuer als vergangene erzählt werden.

Wer sich für das Präsens als Erzähltempus entscheidet, sollte auf jeden Fall die Abhängigkeit von der Erzählperspektive berücksichtigen. Bei einer außenstehenden Erzählinstanz wirkt es noch einigermaßen schlüssig: Karl geht die Straße entlang. Jetzt betritt er das Café. Das lässt sich etwa mit einer Sportreportage vergleichen: Der Erzähler beobachtet die Figuren und ihr Handeln und teilt seine Wahrnehmungen unverzüglich mit.

Doch wenn der Erzählende zugleich der Erlebende ist, funktioniert das nicht mehr. Ich gehe die Straße entlang. Jetzt betrete ich das Café. Wer ist in der Lage, sich selbst während des Handelns zu beobachten und das Beobachtete zeitgleich zu erzählen? Allenfalls eine gespaltene Persönlichkeit. Bei einer derartigen Unlogik endet mein Verständnis für das Präsens. Trotzdem kenne ich auch dafür Beispiele aus der Kinder- und Jugendliteratur, selbst aus renommierten Verlagen.

Erwähnt werden soll noch die Verwendung des Präsens als Stilmittel. Dabei wird nur punktuell für einzelne Sätze oder Passagen vom Präteritum ins Präsens gewechselt, etwa wenn – wie beim »historischen Präsens« die überzeitliche Aktualität von Ereignissen der Weltgeschichte hervorgehoben werden soll. Diese Wirkung wollen wohl auch Journalisten erreichen, wenn sie Vergangenes in die Gegenwart versetzen. Doch bei einer Schlagzeile wie Popstar XYZ stirbt mit 30 Jahren frage ich mich regelmäßig: Beschäftigen die Zeitungen Wahrsager? Mich stören solche Verstöße gegen die Sprachlogik, die zugleich Verstöße gegen die Logik generell sind.

Und schließlich gibt es noch das inzwischen ziemlich aus der Mode gekommene »dramatische Präsens«, das früher in Romanen und Erzählungen ab und zu Verwendung fand. Grundsätzlich wird im Präteritum erzählt, manchmal wird zwischendurch ins Präsens gewechselt. Die Absicht dabei: Der Leser soll stärker in die Handlung hingezogen und ihm soll signalisiert werden, Achtung, jetzt passiert etwas Aufregendes, Spannendes, Unvorhergesehenes oder Wichtiges.

Ob der moderne, mitdenkende Leser solche Hilfen wirklich braucht? Ich empfehle, wenn nicht inhaltliche Gründe dagegen sprechen, bei der klassischen, logisch korrekten Form des Präteritums zu bleiben.

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