Buchtipp: »Der deutsche Wortschatz« von Franz Dornseiff

DornseiffWie oft hat man das Gefühl, die deutsche Sprache besitze zu wenige Wörter. Dreimal haben Sie in einem kurzen Absatz schon gehen geschrieben. Hat man Ihnen nicht im Aufsatzunterricht zu vermitteln versucht, dass Wiederholungen unschön sind und deshalb vermieden werden sollen? Nun also, welche Synonyme, d. h. Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung, gibt es zu gehen? Glücklicherweise sitzen Sie nicht mehr im Klassenzimmer und dürfen deshalb Hilfsmittel benutzen. Bekannt sind Ihnen vermutlich das Synonymwörterbuch des Duden (Band 8), das sinn- und sachver­wandte Wörter enthält, und die Thesaurus-Funktion von »Word«, die sich unter dem Menüpunkt Überprüfen verbirgt. Im »Word«-Thesaurus finden Sie immerhin zehn Verwandte des Gehens, unter anderem stolzieren, stelzen, walzen, schreiten. Im Synonymwörterbuch des Duden erfahren Sie, dass gehen in anderen Bedeutungen auch kündigen, funktionieren oder verkaufen heißen kann. Wenn Sie aber zu fortbewegen zurückblättern, treffen Sie auch hier auf eine hübsche Liste, zu der unter anderem schlurfen, schlurren, watscheln, pesen und wetzen gehören, aber etwa auch über den großen Onkel gehen oder wie ein Storch im Salat gehen.

Eine dritte Möglichkeit, verwandte Wörter zu finden, bietet der Dornseiff, ein Lexikon, das den deutschen Wortschatz in Sachgruppen präsentiert. 90.000 Wörter und Wortgruppen sind in 22 Haupt- und 970 Untersachgruppen von »Natur und Umwelt« bis zu »Religion, Übersinnliches« sortiert. In der Hauptgruppe 8 »Ort und Ortsveränderung« finden Sie unter Punkt 8.3 »Fortbewegung« allein 65 Verben, zum Beispiel staksen, zuckeln, trotten und stromern, dazu einen Ausruf (hoppla!) sowie zahlreiche Substantive (zum Beispiel Fußmarsch, Schneckentempo) und Adjektive (zum Beispiel mobil, nomadisch).

Der Dornseiff ist eine wahre Wundertüte für jeden, der mit Sprache zu tun hat. Erarbeitet hat die Wortlisten der akribische Philologe Franz Dornseiff (1888–1960) ab 1921. Zum ersten Mal erschien das Lexikon 1934. Inzwischen liegt es in der achten Auflage vor, und es hat sich im Laufe der Jahrzehnte dem gesellschaftlichen und technischen Wandel angepasst. So gibt es in der neuen Auflage natürlich Sachgruppen zu »Daten und Software« oder zum »Internet«. Dornseiff selbst hat den Nutzen seines Wörterbuchs bereits 1921 formuliert: Das Sprachgefühl werde belebt, weil man den Reichtum der Sprache erkenne, denn alle Ausdrücke für eine Sache stünden beieinander. Außerdem könne nach dem passenden Ausdruck gefahndet werden und Schriftsteller könnten besser an ihrem Stil arbeiten.

Benutzen lässt sich das über 900 Seiten dicke »Wortfindebuch« leichter, als es zunächst scheint. Die umfangreiche lexikografisch-historische Einführung ist für diejenigen, die es ganz genau wissen möchten, alle anderen können sie getrost überblättern. Die Suche verläuft stets in zwei Schritten. Am einfachsten ist es, im alphabetischen Register zu beginnen. Dort werden Sie von gehen auf die Sachgruppen »Fortbewegung« oder »Reise zu Land« verwiesen. Ausgangspunkt kann aber auch das Register zum Sachgruppensystem oder die Übersicht der Sachgruppen sein. Dort stoßen Sie auf die Hauptgruppe »Ort und Ortsveränderung« und die Untergruppen »Fortbewegung« und »Reise zu Land«.

Nützlich sein kann der Dornseiff jedoch nur dem, der sich in der deutschen Sprache gut auskennt und über ein ausgeprägtes Sprachgefühl verfügt, denn die Bedeutung der Wörter wird nicht erklärt. Sie selbst müssen erkennen und entscheiden, welcher Begriff taugt, einen anderen zu ersetzen, weil er treffender, anschaulicher, konkreter oder spezifischer ist. Seinen Zweck hat das Lexikon erreicht, wenn es ihm gelingt, das »Fenster zu Ihrem Wortgedächtnis« zu öffnen.

Franz Dornseiff: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen. 8. völlig neu bearbeitete Ausgabe, Berlin, New York: de Gruyter 2004, 934 S., 49,95 Euro

Ein Tipp aus dem Schreibratgeber:
AusLektorat-72

Aus dem Lektorat. 50 Tipps zum Schreiben und Veröffentlichen. Norderstedt: BoD 2009, 10 Euro.

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