Von Heldenreisen und Schneeflocken

Schneeflocken-HeldenreiseWie wichtig sind Strukturvorgaben für das Plotten von Romanen? Darüber wird unter Autoren und Autorinnen heftig debattiert und gestritten. Die bekanntesten Muster sind »Heldenreise«, »Schneeflockensystem« und »Drei-Akt-Struktur«, da wird gefachsimpelt über Plotpoint, Pinchpoint, Mirror-Moment, Twist usw. So mancher fühlt sich von dem Begriffswirrwarr überfordert und fragt sich, ob er erst Listen von Fachwörtern pauken muss, bevor er endlich schreiben darf. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Absolutheit, mit der die jeweilige Methode zuweilen als einzig sinnvolle verteidigt wird. Die meisten wollen gerade nicht nach Schema F arbeiten, sondern auf ihre eigene Weise erzählen.

Dabei kann es sehr sinnvoll sein, sich das Strukturmodell des Erzählens genauer anzusehen, denn es ist – zumindest in seiner Grundform – erstens sehr einfach und zweitens sehr alt und universell. Es ist das, was in verschiedenen Kulturen und zu allen Zeiten unter einer Geschichte verstanden wurde und wird. Wir haben dieses Modell so sehr verinnerlicht, dass uns nur auffällt, wenn es nicht beachtet wird.

In meinen Seminaren erzähle ich gern folgende Geschichte: Gestern bin ich in die Stadt gegangen, um mir einen Rock zu kaufen. Gleich in der ersten Boutique fand ich genau das, was ich suchte. Ich habe den Rock gekauft und bin wieder nach Hause gegangen.

Die Zuhörer reagieren mit irritierten bis ungläubigen Blicken: Wie, schon zu Ende? Das soll eine Geschichte sein? An diesem kruden Beispiel leuchtet es jedem unmittelbar ein: Nein, das ist nicht das, was wir von einer Geschichte erwarten. Und jeder weiß sofort, was fehlt: das Außergewöhnliche, das Problem, das gelöst werden muss. Im Alltag kann es ein Missgeschick sein: Ich stelle beim Bezahlen fest, dass ich mein Portemonnaie vergessen habe (und ich brauche den Rock ganz dringend für einen Termin) oder eine andere Kundin schnappt mir meinen Traumrock vor der Nase weg (und es gibt keinen weiteren davon in meiner Größe). Der Zuhörer will wissen, wie ich das Problem gelöst habe. Ist es mir gelungen, der Rivalin den Rock wieder abzuschwatzen? Mit welchem Trick konnte ich die Verkäuferin dazu bringen, mir den Rock ohne Bezahlung mitzugeben? Und schon wird das Grundmuster erkennbar: Es gibt eine Alltagssituation, dann passiert etwas, woraus sich ein Problem ergibt, ich versuche es zu lösen, es gelingt oder misslingt.

Alle Strukturmethoden, egal welchen pompösen Namen sie tragen, fußen auf diesem einfachen Modell: Einleitung, Hauptteil, Schluss; Ausgangssituation, Problem, Lösung. Sicher, im Roman sollte alles größer sein als in der Realität, also auch das Problem existenzieller, die Lösungsversuche intensiver, die Widerstände heftiger und die überraschenden Wendungen zwischendurch weniger berechenbar. Und ganz klar: Die Spannung muss bis kurz vor Ende des Romans bestehen bleiben, sollte sogar noch ansteigen.

Sie möchten es gern genauer wissen? Im Internet finden Sie eine Fülle von Informationen zu den gängigen Strukturmodellen, an denen Sie sich orientieren können und die Sie ganz oder in Teilen für Ihr Romanprojekt nutzen können.

Die »Heldenreise« ist ein mythologisches Modell, das so alt ist wie das Erzählen selbst und das sich bereits an Homers »Odyssee« eindrucksvoll studieren lässt. Gezeigt wird der Held (Protagonist) auf seiner Reise durch die Welt, bei der er zahllose Gefahren meistern muss. Es lässt sich auf jeden Plot übertragen, wird jedoch am häufigsten für Fantasy genutzt. Einen Überblick gibt ein Wikipedia-Artikel zu den Zyklen der Heldenreise von Joseph Campell und Christopher Vogler, knapp und gut verständlich ist Die handliche Heldenreise-Übersicht von Marcus Johanus. Wer es genauer wissen möchte: Christopher Voglers Buch Die Odyssee der Drehbuchschreiber, Romanautoren und Dramatiker (2018) ist gerade neu aufgelegt worden.

Bei der »Schneeflockenmethode« handelt es sich um ein von Randy Ingermanson entwickeltes Verfahren, bei dem der gesamte Roman von einer Idee aus geplottet wird. Vorbild ist die Entstehung einer Schneeflocke: An ein gefrorenes Wassertröpfchen lagern sich immer weitere Kristalle an. Analog dazu wird von einem Satz aus der Roman gebaut. Der erste Schritt ist zugleich der schwierigste, denn der Basissatz soll die Kernaussage der Geschichte enthalten. Daran lagern sich Schritt für Schritt weitere Informationen an, bis der zehnte schließlich das Schreiben der Geschichte als finale Erweiterung der szenischen Grundstruktur vorsieht. Der Vorteil: Man weiß, wie die Geschichte enden wird, wenn man mit dem Schreiben beginnt. Einen anschaulichen Überblick über das Verfahren gibt zum Beispiel die Schreibtrainerin Anette Huesmann.

Die Drei-Akt-Struktur (1. Exposition, 2. Entwicklung, Zuspitzung, Konfrontation, 3. Auflösung) mit den entsprechenden Wendepunkten erklärt Ron Kellermann sehr fundiert. Sein Buch »Fiktionales Schreiben« (2006) ist leider nur noch antiquarisch (zu überhöhtem Preis) erhältlich. Hilfreiche Infos gibt es im Blog www.filmschreiben.de.

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