Juli Zeh: »Treideln«

Kein Schreibratgeber, keine Autobiografie, keine Poetik – einerseits. Andererseits aber doch, und zudem das klügste, wahrhaftigste und witzigste Buch über das Schreiben und das Leben, das ich je gelesen habe. Seine Entstehung verdankt sich der ehrwürdigen Einrichtung einer Poetikdozentur an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 1959 stellt dort in jedem Semester ein deutschsprachiger Schriftsteller sein poetologisches Konzept vor. Buchtipp-Treideln-JuliZehDie Liste der illustren Namen reicht von Ingeborg Bachmann über Heinrich Böll bis zu Christa Wolf und eben Juli Zeh, die für das Sommersemester 2013 eingeladen wurde – und diese Einladung zunächst rundweg ablehnte. Falls stimmen sollte, was sie in Treideln schreibt. Denn das ist die erste poetologische Lektion des Buches: Was ist Fakt, was Fiktion? Wurden die abgedruckten E-Mails an die Frankfurter Universität, an Freunde, Journalisten, den Ehemann, die Steuerberaterin und die Abfallberatung wirklich abgeschickt? Niemand außer der Autorin weiß es. Und es ist auch völlig unerheblich, weil die Lektüre ebenso vergnüglich wie gewinnbringend ist und man ahnt, dass insbesondere die teilweise absurden Details der Realität entsprechen.

Juli Zeh stört an der ihr gestellten Aufgabe, dass der Begriff Poetik so klinge, »als wüsste der Autor, was er da tut – dabei weiß er bestenfalls, was er getan hat.« Ihrer Ansicht nach ist Poetik etwas für »Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane« – genau damit begründet sie schließlich ihre Zusage zur Poetikvorlesung.

Die Texte handeln von den Eitelkeiten der Schriftsteller, deren Herdenverhalten im Literaturbetrieb, den Dogmen des Leipziger Literaturinstituts, den Zumutungen, das eigene Werk selbst interpretieren und die unsägliche Deutschlehrerfrage »Was wollte der Autor damit sagen?« beantworten zu müssen. Juli Zeh macht sich lustig über die noch immer nicht überwundene Vorstellung vom Autor als Genie, die sie mit ihrem eigenen Schreibkonzept des »Nur so« allerdings letztlich bestätigt. Doch sie schildert auch Zweifel, Peinlichkeiten, Forderungen und Mühen ihres Schreiballtags. Ihre Poetologie und ihr Wissen über literarisches Handwerk versteckt sie in gescheiten, kritischen, entlarvenden, selbstironischen und komischen Beobachtungen und Bemerkungen. Dazu nutzt sie eine amüsante, hintersinnige Konstruktion: Aus einer (zufälligen) Überschreibung von Fitzgeralds Der große Gatsby mit Hans-Ulrich Treichels Roman Grunewaldsee entwickelt sie einen »urbanen Mann des 21. Jahrhunderts« als Hauptcharakter eines möglichen neuen Werks. Inspiriert durch den Namen Treichel (der übrigens auch Dozent am Leipziger Institut ist) entsteht die Figur Karl Treidel, von der aus der assoziative Weg zu »Treideln« führt, worunter laut Duden zu verstehen ist: »einen Lastkahn vom Treidelpfad aus mit Menschenkraft bzw. mithilfe von Zugtieren stromaufwärts ziehen oder schleppen«. Die Analogie zum Produzieren eines Roman liegt auf der Hand. Am Beispiel von Karl Treidel erfährt man auf sehr anschauliche Weise etwas über Ideenfindung, Figurengestaltung, Erzählperspektive, Zeitraffung und -dehnung, Dramaturgie und die weitere Entwicklung der Figur bis zu ihrem Tod.

Für mich bot das Buch noch ein weiteres Aha-Erlebnis. Von Juli Zeh kannte ich lange Zeit nur Spieltrieb. Den Roman fand ich schrecklich, mir missfielen die besserwisserische auktoriale Erzählweise, die verschwurbelte Syntax, die Überfülle an Adjektiven, gedrechselten Bildern und Metaphern. Was ich damals nicht wusste: Juli Zeh folgte ihrem eigenen Spieltrieb, sie machte sich einen Riesenspaß daraus, nach einem »Anti-Konzept« all das in einem Roman zusammenzubringen, was am Literaturinstitut in Leipzig verpönt war, als sie dort studierte.

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