Lieschen Müller oder Carla Caroli? Über Pseudonyme

Veröffentlichen unter PseudonymPseudonym ja oder nein? Das ist ein Thema, mit dem sich viele Autorinnen und Autoren beschäftigen. Die Gründe und Antworten sind vielfältig. Glücklicherweise können wir für das Deutschland der Gegenwart eine Notwendigkeit ausschließen: Aus politischen Gründen muss sich niemand hinter einem fremden Namen verstecken, um überhaupt publizieren zu können. Doch es kann andere Motive geben, warum jemand seine wahre Identität verbergen möchte: Die Arbeitskollegen und der Chef sollen nicht erfahren, dass man in seiner Freizeit Erotikromane schreibt. Ein männlicher Autor von Liebesromanen fürchtet den Spott der Geschlechtsgenossen und die Vorbehalte der Leserinnen. Der Wissenschaftler fürchtet, seinen guten Ruf zu verlieren, wenn herauskommt, dass er nicht nur Fachbücher, sondern auch Unterhaltungsliteratur verfasst. Jemand, der seine Autobiografie veröffentlicht, möchte seine Familie schützen.

In diesen und ähnlichen Fällen benutzt man ein geschlossenes Pseudonym, bei dem die Person hinter dem Namen unbekannt bleibt. Eingeweiht werden muss nur der Verlag. Ein geschlossenes Pseudonym zu verwenden, will gut überlegt sein. Abgesehen davon, dass immer die Gefahr besteht, enttarnt zu werden, wie die Beispiele Elena Ferrante und Robert Galbraith (alias Joanne K. Rowling) zeigen, steht man in der Öffentlichkeit nicht für sein Werk ein. Das bedeutet auch, man kann keine Lesungen veranstalten, keine Interviews geben, keine Autorenfotos und allenfalls eine erfundene oder sehr reduzierte Biografie verbreiten. Man kann nicht geschmäht, aber auch nicht gefeiert werden, wie die Geschichte um den Kinderroman Kurzhosengang (2004) belegt, der 2005 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Der Autor hatte sich ein geheimnisvolles Pseudonym zugelegt und den Verlag zu strengster Geheimhaltung verpflichtet. So nahmen nur der angebliche Übersetzer aus dem »kanadischen Englisch« und der Illustrator auf der Bühne den Preis entgegen, nicht aber der (im Saal anwesende) Verfasser aus Deutschland, ein bekannter Kinder- und Jugendbuchautor, der – so munkelte man – schon lange vergeblich auf diese Auszeichnung gewartet hatte.

Mit einem offenen Pseudonym hat man solche Schwierigkeiten nicht zu befürchten. Damit bewegen Sie sich in der Öffentlichkeit völlig frei, mit Ihrem Gesicht und Ihrer Biografie, nur mit einem anderen Namen. Das Pseudonym dient nicht als Schutz oder Versteck, sondern zur Vereinfachung, Differenzierung oder Markenbildung.

Ein Pseudonym empfiehlt sich, wenn der eigene Name zu schlicht, zu häufig, zu kompliziert, unpassend oder anstößig ist. Wer für verschiedene Zielgruppen (z. B. Erotik und Kinderbücher) publiziert, kann durch unterschiedliche Autorennamen Missverständnisse vermeiden. So veröffentlicht Sylvia Englert ihre Schreibratgeber unter ihrem Realnamen, die Fantasyromane für junge Leser dagegen als Katja Brandis. Legendär ist der unter seinem wirklichen Namen kaum bekannte Rolf Kalmuczak, der unter mehr als hundert Pseudonymen schrieb, als Stefan Wolf zum Beispiel die Kinderbücher TKKG und als Jerry Cotton zahlreiche Hefte der Reihe. Umgekehrt zählen beispielsweise Jerry Cotton oder Dr. Stefan Frank zu den Verlags- oder Sammelpseudonymen, unter denen viele verschiedene Autoren an den Heftromanserien arbeiten.

Zunehmend an Bedeutung gewinnen Pseudonyme für die Vermarktung von Genreliteratur und den Aufbau einer Markenidentität. Produkt und Name des Autors sollen zusammenpassen. Wer Psychothriller schreibt, dem wird vom Verlag schon mal geraten, sich ein skandinavisch oder englisch klingendes Pseudonym zuzulegen, weil die Leser angeblich keine Titel dieses Genres von deutschen Autoren kaufen. Liebesromane in der Tradition von Rosamunde Pilcher werden eher zu Bestsellern, wenn die Autorin Poppy J. Anderson statt Carolin Bendel heißt. Und wer denkt schon, dass Rebecca Gablé, die mit historischen Romanen große Erfolge hat, als Ingrid Krane-Müschen im Sauerland lebt.

Wenn Sie selbst unter einem Pseudonym publizieren möchten, sollten Sie folgende Punkte beachten: Welchen Namen Sie annehmen, bleibt Ihnen überlassen. Dass es nicht der eines Prominenten sein darf, versteht sich von selbst. Verträge mit Ihrem Agenten, Verleger oder – wenn Sie selbst veröffentlichen – Publikationsdienstleister unterzeichnen Sie mit Ihrem Klarnamen. Wenn Sie Ihr Pseudonym dauerhaft führen möchten, können Sie es als Künstlernamen in Ihren Ausweis eintragen lassen.

Dann müssen Sie sich nur noch an Ihren neuen Namen gewöhnen, ihn selbst benutzen und daran denken, auch Ihre Bücher so zu signieren und das Schild am Briefkasten zu ergänzen.

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