Frohe Festtage

Weihnachtsmarkt-2017

wünsche ich allen Schreib- und Literaturbegeisterten. Ich hoffe, Sie finden viele Buchgeschenke auf dem Gabentisch, entdecken auf Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfeiern und Familientreffen Ideen für neue Geschichten, haben zwischendurch Zeit zum Schreiben und Lesen und starten mit kreativer Energie in ein erfolgreiches Schreibjahr 2018.

Weihnachtsgeschichte

So wie früher

von Isa Schikorsky

Der Tisch war für drei Personen gedeckt: weißer Damast, gestärkte Stoffservietten, Silberbesteck, Kristallgläser – Konfirmationsgeschenke, die mehr als zwanzig Jahren ganz hinten im Schrank verstaubt waren. Die Nordmanntanne auf dem Sideboard schmückten Lametta, rote Kugeln und Wachskerzen. Alles war perfekt, befand Kerstin und eilte zurück in die Küche, wo Bratendunst in der Luft hing und das flaue Gefühl in ihrem Magen verstärkte. Sie las das Rezept noch einmal, öffnete die Backofentür und beschöpfte die Gans.
Simon kam herein. Er hatte sich bereits umgezogen, trug zum dunklen Anzug ein weißes Hemd und seine einzige Krawatte, die etwas schief geknotet war. So hatte sie ihn zuletzt gesehen, als er den Antrittsbesuch bei ihren Eltern absolvierte.
»Und du hast deine Mutter wirklich richtig verstanden?«, fragte Kerstin.
Simon zog die Augenbrauen hoch. »Wie oft sollen wir das noch diskutieren? Dorothea wünscht sich ein traditionelles Weihnachtsfest. Sie hat ausdrücklich ›So wie früher‹ gesagt. Das ist doch verständlich, wenn jemand lange im Ausland gelebt hat. Warum sollten wir ihr diesen Wunsch nicht erfüllen?«
Weil wir uns inzwischen vegetarisch ernähren, dachte Kerstin ketzerisch, sagte aber nichts, sondern quälte sich weiter damit, aus der klebrigen Kartoffelmasse Klöße zu formen. Sie hätte auch erwähnen können, dass sie beide nicht gerne kochten und steife Esszeremonien verabscheuten. Diese ganze Inszenierung widersprach ihrem Lebensstil. Aber Simon hatte selbst kleinere Kompromisse wie ein Gänsetaxi zu bestellen oder Rotkohl aus dem Glas zu servieren abgelehnt und darauf bestanden, dass alles exakt so vorbereitet wurde, wie er es aus seiner Kindheit kannte. Also gab es in diesem Jahr statt des gemütlichen Fondueessens mit Freunden am Küchentisch Suppe, Braten und Dessert mit allem Pipapo an der Festtafel.
Simon entkorkte einen Bordeaux, den sie sonst nie tranken, weil er ihnen zu herb war, und dekantierte ihn in eine bauchige Karaffe, die sie extra gekauft hatten.
Kerstin rührte noch die Trockenpflaumen unter den Rotkohl, drehte die Temperatur herunter und lief dann ins Schlafzimmer, wo sie Jeans und T-Shirt gegen einen Glitzerfummel tauschte. Eine ebenso unsinnige Neuanschaffung wie die Pumps, in die sie ihre müden Füße zwängte. Während sie versuchte, mit Puder die Spuren der Küchenhitze in ihrem Gesicht zu bekämpfen, dachte sie – zwischen Neid und Trotz schwankend – über Dorothea nach. Die hatte früher neben ihrem Beruf problemlos einen Haushalt mit drei Kindern versorgt, und außerdem als perfekte Gastgeberin brilliert. Das hatte Simon ihr oft genug versichert. Seine Mutter habe immer aufwendig gekocht und mit großem Vergnügen Besuch bewirtet. Heiligabend seien sie mindestens acht Personen gewesen, oft zwölf oder mehr. Kerstin blickte seufzend in den Spiegel. Die roten Flecken auf ihren Wangen hatten sich nur unzureichend kaschieren lassen. Sie fühlte sich erschöpft, ihr Magengrummeln wurde heftiger.
Die Klingel schrillte. Kerstin schreckte zusammen und sah auf die Uhr. Pünktlichkeit gehörte also ebenfalls zu den Tugenden von Dorothea, die sie bisher nur von Fotos kannte. Als sie Simon vor drei Jahren kennenlernte, war sein Vater schon verstorben und seine Mutter leitete ein archäologisches Projekt in Assuan.
Kerstin seufzte noch einmal, straffte die Schultern und ging in den Flur, wo sich Simon und seine Mutter gerade voneinander lösten. Kerstin hoffte, dass man ihr nicht ansah, wie überrascht sie war. Statt einer eleganten Dame stand eine lässig gekleidete Frau Anfang sechzig vor ihr, in schmalen Jeans, flachen Wildlederschuhen und einem sandfarbenen Oversizepullover. Dorothea umarmte Kerstin mit strahlendem Lächeln, wirkte aber auch etwas irritiert.
»So lebt ihr also«, sagte sie, nachdem sie ins Wohnzimmer gegangen waren, es klang verwundert. Simon zündete die Kerzen am Baum an und legte eine CD mit Weihnachtsliedern ein. Tagelang hatte er nach dieser Aufnahme gesucht, die Heiligabend immer in seinem Elternhaus gespielt worden war.
Kerstin holte den Champagner und die Platte mit der Vorspeise. Sie stießen an, plauderten, aßen erst Häppchen, später die Suppe. Trotz der festlichen Atmosphäre schien sich Dorothea nicht richtig wohlzufühlen. Sie erzählte sehr anschaulich von ihren Forschungen in Ägypten, zwischendurch musterte sie jedoch wiederholt die Einrichtung und warf skeptische Blicke auf den Weihnachtsbaum. Kerstin hätte gern weiter zugehört, doch irgendwann konnte sie die Gans nicht länger warten lassen. Sie erhob sich und stellte das schmutzige Geschirr zusammen. Dorothea sah sie fragend an.
»Entschuldigt mich, ich muss den Hauptgang fertigmachen.«
»Dann können wir ja in der Küche weiterreden.«
»Aber, Mutter …«, begann Simon.
»Wieso denn nicht? Da sitzt man sowieso viel netter«, fuhr sie fort. »Oder ist es bei euch zu eng?«
Kerstin verneinte.
»Dann müssen wir die Kerzen am Baum löschen.« Simons Stimme verriet leichten Ärger.
»Ja«, bestätigte Dorothea lächelnd, »und diese furchtbare Weihnachtsmusik abstellen.« Sie sprang ebenfalls auf, griff rasch nach ihrem Weinglas und einigen Tellern. »Wie habe ich das früher gehasst«, sagte sie zu Kerstin, als sie durch den Flur gingen, »die Gäste unterhielten sich prima im Wohnzimmer, und ich stand allein am Herd.« Beim Betreten der unaufgeräumten Küche rief sie: »Wie schön gemütlich«, stellte Glas und Teller ab und ließ sich auf die Bank plumpsen.
Kerstin zog den Bräter aus dem Ofen. Die Gans war perfekt, braun und knusprig, genau wie auf der Abbildung im Kochbuch.
»Oh, my goodness«, murmelte Dorothea hinter ihr. »Was ist das?«
»Eine Gans«, antwortete Kerstin und dachte, dass sich der Dialog wie von Loriot anhörte.
»Seid ihr nicht Vegetarier? Ich glaube, das hat Simon mal erwähnt.«
»Die haben wir für dich gemacht«, sagte Simon von der Tür her, er sah blass aus.
Dorothea zuckte die Schultern. »Ich habe Gänsebraten schon immer verabscheut, und seit zwei Jahren esse ich überhaupt kein Fleisch mehr.«
»Und wieso hast du dir dann ein Weihnachtsfest wie früher gewünscht?«, fragte Simon in scharfem Ton.
»Was soll ich mir gewünscht haben?«
Simon wiederholte es.
Dorothea starrte ihn eine Weile an. Dann begann sie zu lachen. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte, bis ihr die Luft ausging. »Was für ein Missverständnis«, japste sie. »Bloß nicht so ein Weihnachtsfest wie früher, habe ich gesagt, da bin ich mir sicher. Aber die Telefonverbindung war sehr schlecht.«
Kerstin stand neben dem Herd und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Simon hielt sich am Türrahmen fest.
Dorothea stutzte. »Jetzt sagt bloß, ihr habt dieses ganze Brimborium nur für mich gemacht? Die Gans, der festlich gedeckte Tisch, der Weihnachtsbaum …«
»… die Weihnachtslieder«, warf Simon ein.
»Und die Festgarderobe«, ergänzte Kerstin.
Dorothea bekam einen weiteren Lachanfall, doch dann sagte sie ernst: »Oh, Kinder, ihr wisst nicht, wie ich dieses Steife und Traditionelle immer gehasst habe.« Sie wandte sich Kerstin zu. »Mein Mann war großzügig und liebenswert, aber in diesem Punkt ließ er nicht mit sich reden. Bis zu seinem Tod nicht. Sosehr er mir auch sonst fehlt, nach diesen schrecklichen Heiligabenden habe ich mich nie zurückgesehnt.«
Simon war noch bleicher geworden. »Aber das Kochen hat dir doch Spaß gemacht?«
»Wenn ich es auf meine Weise machen konnte, schnell, unkompliziert, aus dem Handgelenk. Diese Weihnachtsmenüs allerdings mussten genau so zubereitet werden wie früher von der Mutter meines Mannes und davor wahrscheinlich von deren Mutter. Ich hab natürlich getrickst: Rotkohl aus der Dose, Klöße aus dem Kochbeutel …« Sie kicherte wie ein junges Mädchen.
Kerstin spürte, dass das Magengrummeln nachließ. Sie sah an sich herunter und dann zu Simon hin. »Vielleicht sollten wir uns umziehen?«
»Gute Idee«, bestätigte Dorothea.
Als sie zehn Minuten später in die Küche zurückkamen, hatte Dorothea den rustikalen Holztisch mit bunten Leinensets und einfachen Tellern gedeckt, einen frischen Salat gezaubert, die Klöße gegart und Wein eingeschenkt. Es wurde ein langer und sehr lustiger Abend.
Die Gans würden sie morgen für das Weihnachtsessen der Obdachlosenhilfe stiften.

Zuerst abgedruckt in: Weihnachtsgeschichten am Kamin 30, gesammelt von Barbara Mürmann. Reinbek: Rowohlt 2015, S. 77-82.

 

 

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3 Gedanken zu „Frohe Festtage

  1. ladyfromhamburg

    Oh, das lässt sich so gut nachempfinden! ^^ (Kochen und kochen ist so ein Unterschied.) Und was doch ein kleines Missverständnis anrichtet …
    Liebe Isa, auch ich wünsche ein recht frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das kommende Jahr!
    LG Michèle

    Antwort
  2. Karin E. Bell

    Was für eine schöne Geschichte. Und, in einzelnen Abschnitten, fast genauso erlebt. Wunderbar! Ein frohes Weihnachtsfest wünsche ich, mit guten Wünschen für das neue, hoffentlich erfolgreiche Jahr 2018 ! Liebe Grüße von Karin E. Bell

    Antwort

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