Wunderbare Weihnachten …

Weihnachtsmarkt2015-(9-von-9)

… mit viel Zeit zum Schmökern und Geschichten erfinden wünsche ich allen Lese- und Schreibbegeisterten. Und viel Vergnügen mit der Weihnachtsgeschichte:

Gemeinsam statt einsam

von Isa Schikorsky

Zu früh. Zwanzig Minuten zu früh hatte Katrin das Jugendstilhaus in einer stillen Seitenstraße erreicht. Die Adresse stimmte, Svens Nachname stand auf einem der Messingschildchen.
Unmöglich, jetzt schon zu klingeln. Katrin schlenderte weiter, so langsam wie möglich. Die Kälte drang durch ihren Mantel. Sie schlug den Kragen hoch, zog die Mütze tiefer über die Ohren. Wieso hatte sie diese alberne Einladung überhaupt angenommen? Vor dem Schaufenster einer Bäckerei blieb sie stehen. Es war leer bis auf einen Korb mit Brötchenattrappen. Trotzdem starrte sie darauf, als würden dort Juwelen präsentiert. Der Glühwein war schuld, dachte sie. Gestern nach Feierabend hatten sie und ihre Arbeitskollegen noch auf dem Weihnachtsmarkt zusammengestanden, und jeder hatte von seinem Heiligabend geschwärmt. Man feierte mit dem Partner, der Familie oder Freunden, mit Krippenspiel, Gänsebraten oder Luxusmenü. Immer aber war es ganz wunderbar, ungemein harmonisch oder wahnsinnig gemütlich. Es musste nach dem dritten Glühwein gewesen sein, da hatte sie ziemlich laut dazwischengerufen, dass Heiligabend das verlogenste Fest des Jahres sei und nur auf eine Weise mit Anstand begangen werden könne: allein. Das mache sie seit langem so, aus Überzeugung. Die anderen hatten sie erst erschrocken angesehen und dann heftig protestiert. Sie konnte sich ihren Ausbruch selbst nicht erklären.
Als sich die Runde auflöste, hatte Sven gesagt: »Lass mich dir beweisen, dass es anders auch Spaß macht.« Und schon im Fortgehen hatte er gerufen: »Morgen Nachmittag um fünf«, und die Adresse genannt. Noch bevor sie ablehnen konnte, war er im Gedränge des Weihnachtsmarkts verschwunden gewesen.
Immer noch eine Viertelstunde zu früh. Katrin wandte sich vom Schaufenster ab, begann zurückzubummeln – und blieb nach wenigen Schritten wie versteinert stehen. Warum konnte sie nicht unsichtbar werden? Sven näherte sich von der anderen Seite her dem Haus, auf seiner rechten Hand einen Karton balancierend. Auch er hatte sie offenbar sofort erkannt. Für einen kurzen Moment schien er verwirrt, dann sah er auf seine Uhr, aber da hatte Katrin ihn schon erreicht und entschuldigte sich wortreich. Sven lachte nur, das sei überhaupt kein Problem.

Als sie die Wohnung betraten, glaubte Katrin den Geruch von Gänsebraten und Rotkohl wahrzunehmen, aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Sven bat sie ins Wohnzimmer und entschuldigte sich für einen Moment. Er müsse den Kuchenkarton kühl stellen.
Neugierig blickte Katrin sich um. Ihr gefiel, was sie sah: wenige Designermöbel kombiniert mit ein paar alten Stücken, kein Schnickschnack, keine Weihnachtsdekoration. Dafür drängten sich die Bücher in deckenhohen Regalen und im Kaminofen prasselte ein Holzfeuer. Katrin lehnte sich in dem Ledersessel zurück, ihre Anspannung löste sich allmählich. Sie hatte sich alle möglichen Horrorszenen ausgemalt: ein Essen mit Leuten, die sie allesamt nicht kannte, eine Familienfeier oder eine dieser schrecklichen Riesenpartys. Doch nichts wies darauf hin, dass noch weitere Gäste erwartet wurden. Katrin war unschlüssig, ob ihr die Vorstellung von einem Abend zu zweit behagte. Sven, der erst seit kurzem in ihrer Abteilung arbeitete, war ein sympathischer Kollege, zwar mit Halbglatze und Bauchansatz vom Äußeren her nicht wirklich attraktiv, aber sie schienen beide einen ähnlichen Geschmack und gemeinsame Interessen zu haben, keine schlechten Voraussetzungen …
Sven kam mit zwei Sektgläsern herein und setzte sich in den Sessel gegenüber. Beim Anstoßen sahen sie einander in die Augen, lächelten sich an und dann – schwiegen sie. Katrin fiel ein, dass sie noch nie mit ihm allein gewesen war. Auf einem Tischchen entdeckte sie einen Stapel Bücher. Sie zeigte auf das obere. »Das lese ich auch gerade. Wie gefällt es dir?«
»Ich komme wenig zum Lesen«, murmelte er, sprang unvermittelt auf und suchte lange nach einer CD, bis er sich endlich für Bachs Weihnachtsoratorium entschied.
»Bachs Musik wirkt immer so beruhigend«, sagte Katrin, froh, endlich ein Thema gefunden zu haben.
»Findest du?« Sven sah sie unsicher an, während er wieder Platz nahm. »Ich stehe mehr auf Dark Wave.«
»Ah ja.« Sie hatte keine Ahnung, was das war.
Das Gespräch schleppte sich dahin. Auf ihre Fragen nach Kinofilmen und Kunstausstellungen wusste Sven nichts zu antworten, während sie sich weder mit Networking noch mit Marathonlaufen auskannte. Sie empfand Unwillen. Hier lief etwas ganz gewaltig schief. Wie sollte sie diesen Abend überstehen? Dann doch lieber allein. Sie würde jetzt sofort aufstehen und gehen. Jetzt.

Jetzt knirschte ein Schlüssel im Schloss der Eingangstür. Stimmen wurden laut, Kinder lachten, jemand rief: »Hallo, wir sind da!«
Svens Gesicht begann zu strahlen, er schnellte hoch und lief hinaus. Kurz darauf füllte sich das Zimmer. Ein älteres Paar, eine weißhaarige Dame mit Stock, eine Frau mit roten Locken, ein Junge und ein Mädchen begrüßten Katrin ganz selbstverständlich und murmelten ihre Namen. Alle gehörten wohl irgendwie zu Svens Familie. Die Kleine musterte Katrin ungeniert, fragte schnippisch: »Bist du seine neue Freundin?«, und rannte kichernd weg.
Wollte Sven sie etwa als seine Freundin präsentieren? Sie musste ihn zur Rede stellen, sah ihn aber nirgends. Weitere Gäste trafen ein: Freunde und Verwandte, wie es schien. Versteinert vor Wut stand Katrin in dem Trubel, eingeklemmt zwischen Umarmungen und Wie-geht’s-Fragen.
Endlich tauchte Sven wieder auf. Doch bevor sie sich zu ihm durchgekämpft hatte, liefen die Kinder auf ihn zu, schrien »Papa« und zerrten an seinem Arm, die Rotlockige schmiegte sich an seine andere Seite. Katrin spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung und eine große Welle der Empörung. Nein, sie hatte es wirklich nicht nötig, sich als Statistin in einer Inszenierung »Familienglück am Heiligabend« missbrauchen zu lassen. Auf der Stelle würde sie verschwinden.

Plötzlich brachen die Gespräche ab. Ein Glöckchen bimmelte, eine Schiebetür wurde aufgeschoben, die Gäste riefen »Oh« und »Ah« und drängten sich nach nebenan.
»Kommen Sie, meine Liebe«, rief die weißhaarige Dame und winkte Katrin heran.
Zögernd betrat sie das geräumige Esszimmer, in dem ein Weihnachtsbaum in Rot und Gold glänzte, dessen Spitze beinahe die Decke berührte. Dahinter war eine lange Tafel gedeckt. Jemand spielte Klavier, Weihnachtslieder wurden gesungen, das Mädchen trug ein Gedicht vor, der Junge spielte Blockflöte. Katrin schalt sich eine sentimentale Ziege, weil die Atmosphäre sie wider Willen faszinierte und berührte.
Dann begannen die Kinder, ihre Geschenke auszupacken. Die Erwachsenen schauten lächelnd zu. Nur ein Mann, der ebenfalls etwas abseits stand, betrachtete die Szene wie sie mit Skepsis. Er war etwa in ihrem Alter, schlank und hochgewachsen, hatte strubbeliges Haar und kluge Augen. Ihre Blicke begegneten sich. Katrin spürte, dass sie rot wurde, und wandte sich schnell ab.
Der besinnliche Teil des Abends schien beendet zu sein. Sektgläser wurden herumgereicht, die Gespräche setzten wieder ein. Katrin war unschlüssig, was sie tun sollte. Sie lehnte an einem der Bücheregale, die selbst hier im Esszimmer die Wände verbargen. Wie konnte jemand so viele Bücher besitzen und dann nicht lesen? Mit den Augen suchte sie die Reihen ab, zog schließlich einen Band heraus und begann zu blättern.
»Hast du meinen Bruder Jonas schon kennengelernt?« Erschrocken drehte Katrin sich um. Neben dem grinsenden Sven stand der Strubbelkopf und musterte sie aufmerksam.
»Katrin ist eine sehr nette Kollegin«, erklärte Sven seinem Bruder. »Ich wollte, dass sie mal ein richtiges Familienweihnachtsfest erlebt.«
Katrin zog die Augenbrauen zusammen. Verdammter Lügner. Jetzt durchschaute sie sein Spiel. Mit seinem Bruder wollte er sie verkuppeln. Aber nicht mit ihr. Bei nächster Gelegenheit würde sie gehen.
»Das können Sie hier bestimmt«, bestätigte Jonas ernst.
Sven blinzelte Katrin zu. »Mein Bruder behauptet immer, er würde am liebsten ganz für sich allein feiern.«
»Was diese Familie leider immer wieder zu verhindern weiß«, knurrte Jonas.
»Ja«, sagte Sven und lachte, »es geht immer reihum, das ist Tradition. Diesmal musste Jonas seine Wohnung zur Verfügung stellen, alles organisieren und unsere Eltern vom Bahnhof abholen.«
»Das hier ist Ihre Wohnung?«, stotterte Katrin und wandte sich Jonas zu.
»Natürlich.« Jonas schien irritiert. »Übrigens: Kennen Sie es?«
»Was?« Katrin starrte ihn verständnislos an. Er wies auf das Buch in ihrer Hand.
»Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern«, sagte sie lächelnd.
»Zu meinen auch.« Er erwiderte ihr Lächeln.

Zuerst abgedruckt in: Weihnachtsgeschichten am Kamin 26, gesammelt von Barbara Mürmann. Reinbek: Rowohlt 2011, S. 53-58

Advertisements

6 Gedanken zu „Wunderbare Weihnachten …

  1. E.Wilhelm

    Nette Geschichte, wenn man mal davon absieht, dass Händel kein Weihnachtsoratorium geschrieben hat.
    😉
    E.Wilhelm

    Antwort
  2. ladyfromhamburg

    Auch ich wünsche ein frohes Weihnachtsfest und stimmungsvolle Tage, liebe Isa
    Die Weihnachtsgeschichte war eine sehr schöne Überraschung! Ich habe sie mit Freude verschlungen und mich durch sie in eine sehr angenehme, positive Stimmung bringen lassen. Vielen Dank!
    Herzliche Grüße – und bis spätestens 2016!
    Michèle

    Antwort
  3. Anna-Lena

    Ich kann mich Michele nur anschließen 🙂 .
    Frohe Weihnachten, entspannt und gemütlich und uns allen ein hoffnungsvolles Jahr 2016.

    Wir lesen uns.
    Herzlich
    Anna-Lena

    Antwort
  4. Erika Istambouli

    Hallo Isa,
    danke für die weihnachtliche Stimmung, die du mir mit deiner Geschichte beschert hast. Die Musik von Bach, Händel und Vivaldi wird sicher zusätzlich für mich und meine große Familie, die sich auch in diesem Jahr wieder bei mir versammeln wird, ein Weiteres tun – ich freue mich darauf.
    Auch dir wünsche ich besinnliche Feiertage und grüße dich ganz herzlich
    Erika Ist….

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s