Schreiben in der Kölner Flora

Flora_2015-(30-von-32)

Phantastische Flora,
duftend, rankend, kletternd,
mit tollem Aroma.
(Joachim Berger)

Mit diesem Ritornell drückte Joachim Berger seine Begeisterung für eine Kölner Sehenswürdigkeit aus, die oft nicht richtig gewürdigt wird. Vielleicht, weil sie nichts kostet? Jedenfalls ist der Botanische Garten mit der Flora ein großartiger Ort: Bei freiem Eintritt täglich geöffnet, lädt er zu Spaziergängen ein, die auf kurzem Weg durch Heide-, Alpen- und Wüstenlandschaften führen. Ein idealer Platz für Entdeckungen, zum Entspannen und natürlich zum Schreiben.

Der Ginkgo

Flora-GingkoUnser Frühlingsmorgen in der Flora begann sonnig, aber kühl. Und er führte uns zuerst zum imposanten Ginkgobaum, denn nirgendwo sonst lässt sich besser erkennen, wie Naturlyrik funktioniert. Goethe überträgt in seinem Gedicht »Ginkgo biloba« auf eindrucksvolle Weise die Eigenschaft des Blattes auf das menschliche Wesen und das der Liebe.

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es zwey die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Ehrfurcht vor dem Klassiker kannten die Teilnehmenden nicht, wenn sie über den Ginkgo etwa dichteten:

Gemeinsam, einheitlich, natürlich
in Eintracht, Harmonie, manierlich
so macht er auf „bella figura“:
sonnendurchstrahlt – ganz in natura!
(Carola Grün)

In der Folge entdeckten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf ihren Streifzügen durch den Garten viele andere Pflanzen, die ihre Aufmerksamkeit weckten, weil deren Namen oder Eigenschaften menschliches Dasein und Handeln symbolisieren. Aus den Beobachtungen gestalteten sie Prosaminiaturen, Ritornelle und Haikus.

Die Iris

Iris Blätter flügelgleich
ganz blau-blau-blau, getrennte Richtung
so wechselhaft auch diese Dichtung: im Farbenreich!
(Carola Grün)

Flora-Iris

Der Enzian

Der Enzian ist ein Blaublütler,
er macht auch Menschen blau.
Daher braucht der Trinker einen Behüter,
sonst ist er schnell Mau-Mau.
(Joachim Berger)

Japanischer Schneeball

Mandelaugen sahen dich zuerst
in einem Land umgeben vom Stillen Ozean,
jetzt erschütternd verseucht durch menschliche Dummheit.
Dummheit, die die Fülle der Natur nicht erkennt.
Nicht erkennt deine überbordenden Kaskaden der Schönheit,
dargeboten von Blüten rund wie Schneebälle.
(Inge Kurtenbach)

Der alle Sinne anregende Vormittag klang im Terrassencafé »Dank Augusta« aus. Nächstes Frühjahr heißt es sicher wieder »Schreiben in der Flora«.

Flora-Buecher

Schreibtipp

Haben Sie Lust, ein Ritornell zu schreiben?

Anregungen finden Sie überall in Gärten und Parks. Ein Ritornell (ital. »Refrain«, »Wiederholung«, abgeleitet aus »ritornare«: »zurückkommen«) ist eine aus der italienischen Volksdichtung stammende Gedichtform. Es besteht aus drei Zeilen (1. meist fünf bis sieben Silben; 2. und 3. elf Silben), das Reimschema lautet meist a-x-a, seltener x-a-a oder a-a-x; ein x bezeichnet dabei reimlose Zeilenschlüsse. Im deutschen Sprachraum wird im ersten Vers gern eine Blume angerufen.

Die Myrte

Flora-Myrthe

Blühende Myrte –
Ich hoffte süße Frucht von dir zu pflücken;
Die Blüte fiel; nun seh ich, daß ich irrte.
(Theodor Storm)

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