Archiv für den Monat Mai 2015

Figuren und Vorurteile

Mein absoluter Lieblingsroman in diesem Frühling ist »Altes Land« von Dörte Hansen. Mir gefällt einfach alles an diesem Debüt. In einer direkten, klaren Sprache, ebenso ergreifend wie wahrhaftig, erzählt Hansen von den nie ganz vernarbenden Wunden, die durch Krieg und Vertreibung nicht nur in einer Generation entstanden sind, von Einsamkeit und unerfüllter Liebe, aber auch von Eitelkeit, Neid und Missgunst, von zerstörten Träumen und dem Willen, weiterzuleben – trotz alledem. Im Zentrum der verschiedenen, geschickt verknüpften Handlungsstränge stehen die schlichte Poesie einer alten Landschaft und ein altes Haus. Der melancholische Grundton verwandelt sich zuweilen in einen wunderbar bösen und sarkastischen Erzählstil. Und bei diesen Passagen ist mir wieder einmal aufgefallen, wie schmal der Grat ist, auf dem ein Erzähler balanciert, wenn seine Figuren andere der Lächerlichkeit preisgeben. Im zweiten Kapitel macht sich Anne, eine Protagonistin, über die Befürworter musikalischer Frühförderung lustig: »Die Musimaus-Kurse waren bei den Eltern von Hamburg-Ottensen fast noch begehrter als ein Schrebergarten mit Stromanschluss.« Wir lernen die junge Frau gerade erst kennen, erfahren, dass sie ihr Musikstudium abgebrochen hat und froh ist, als Flötistin mit den Kindern arbeiten zu können, und dass vor allem die Mütter dieses Stadtteils offenbar eine schwierige Klientel sind. Auch wenn man sich, je nach eigenem Status und Naturell, als Leser möglicherweise köstlich amüsiert über Annes bissige Gedanken, läuft sie als Figur doch Gefahr, sich die Zuneigung der Leser zu verscherzen. Es scheint so, als wolle sie sich durch Diffamierung der Helikopter-Eltern aus Hamburg-Ottensen selbst in ein besseres Licht stellen. Ein paar Seiten später wird jedoch klar, dass Anne selbst zu der von ihr so scharfzüngig attackierten Gruppe gehört. Und wenn in späteren Kapiteln die Perspektiven wechseln, zeigt sich, dass Anne ihr Kind genauso überfürsorglich umhegt wie die von ihr Kritisierten. Damit ist die Bodenhaftung wiederhergestellt. Der Leser bemerkt den blinden Fleck in der Wahrnehmung, eine häufig anzutreffende Eigenschaft, durch die Anne menschlich und sympathisch wirkt.

Weitere Beispiele, wie Sie als Autor oder Autorin mit den Vorurteilen und Wertungen der Figuren dazu beitragen, ob der Leser sie mag oder nicht, finden Sie in dem Schreibratgeber: »Helden, Helfer und Halunken. Perfekte Figuren für Ihren Roman«.

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Überzeugende Protagonisten: Sonderaktion Figuren-Check

Figuren-Check

Ob ein Roman oder eine Erzählung wirklich begeistert, hängt ganz wesentlich von den Hauptfiguren ab. Meist sind es starke, eigenwillige Charaktere, die faszinieren oder verzaubern, Staunen, Erschrecken, Neugier oder Sympathie erzeugen.

Es ist sehr sinnvoll, sich vor dem eigentlichen Schreibbeginn oder zumindest parallel zum Schreiben am Roman oder der Erzählung ausführlich mit der Entwicklung der wichtigsten Figuren des Werkes zu befassen. Sie werden merken, dass dieser Schöpfungsprozess unglaublich viel Spaß macht und sehr kreativ ist. Es geht darum, dass Sie selbst mit Ihren Helden vertraut werden, deren Fähigkeiten und Grenzen ausloten, deren Träume, Ziele und Leidenschaften kennenlernen.

Ob die Figur den Anforderungen gerecht werden kann, die die fiktionale Welt an sie stellen wird? Ist sie interessant und mehrdimensional, hat sie Ecken und Kanten und ein Geheimnis, ist ihr Ziel glaubwürdig und gut motiviert? Das zu entscheiden fällt Ihnen als Schöpfer Ihrer Figuren vielleicht nicht leicht. Deshalb biete ich mich als kritische Leserin an.

Wenn Sie wissen möchten, ob Ihre Protagonisten das Potenzial haben, die Leser emotional tief zu beeindrucken, schicken Sie mir deren Biografie. Ich gebe Ihnen eine Rückmeldung zur Gestaltung und Wirkung der Figur in Form eines Gutachtens (ca. 2 bis 4 Seiten).
Sonderaktion: Pauschalpreis bis 30. Juni 2015 nur 40 Euro (statt 80 Euro; inklusive Mehrwertsteuer). Die Figurenbiografie kann bis zu 5 Normseiten bzw. 7.500 Zeichen (inklusive Leerzeichen) Umfang haben. Kontakt: Schikorsky@Stilistico.de

Damit die Figurenentwicklung etwas leichter fällt, habe ich  Aspekte der Figurenentwicklung zusammengestellt, die eine Rolle spielen können – aber nicht unbedingt müssen. Diese Liste soll Sie anregen und Ihnen Möglichkeiten aufzeigen, sie soll keineswegs Punkt für Punkt abgehakt werden. Sie entscheiden, welche Kriterien Sie benötigen.

Mehr über meine Erfahrungen als Lektorin und mein weiteres Angebot finden Sie unter: www.Stilistico.de/lektorat.html

Bloß keine Harmonie!

Helden-Cover-Ausschnitt-2

Ich bin ein Fan der Telenovela »Rote Rosen«, und eine aktuelle Diskussion unter den Zuschauern brachte mich auf das Thema »Harmonie«. Ausgelöst wurde die Debatte dadurch, dass eine der dienstältesten Serienfiguren so viel Pech in der Liebe hat. Nach – wenn ich richtig gezählt habe – zwei Scheidungen und mehreren, von den Frauen bald wieder beendeten Affären wurde Thomas Jansen jetzt am Tag nach seiner Hochzeit zum Witwer. Thomas’ bestem Freund, dem Hotelier Gunter Flickenschild, ergeht es kaum besser. Auch ihm ist kein dauerhaftes Glück vergönnt, einmal wurde er sogar im Standesamt stehen gelassen. Nun wäre es doch endlich an der Zeit – so die Meinung zahlreicher Fans – diesen beiden wirklich nicht unattraktiven und gut situierten Mittfünfzigern eine lang anhaltende, harmonische Beziehung zu gönnen. So verständlich der Wunsch ist, ihn zu erfüllen, käme einer dramaturgischen Bankrotterklärung gleich. Wahrscheinlich würden die Verfechter des Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzips sofort wieder protestieren, wenn die Drehbuchautoren ihre Forderung umsetzten. Denn wie spannend ist eine Serie, in der alle glücklich und zufrieden auf dem Sofa sitzen? Wer möchte seinen Alltag im TV sehen? Niemand! Deshalb wird in der Regel beim Happy End abgeblendet. Und deshalb verlässt das jeweils für zweihundert Folgen im Mittelpunkt stehende Rote-Rosen-Paar, nachdem es sich gefunden hat, Lüneburg und die Soap auf schnellstem Weg. Doch inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Schauspielern, die sich in ihren Rollen häuslich eingerichtet haben und von den Zuschauern gemocht werden. Der Preis, den sie für die lange Verweildauer in der Serie zu zahlen haben: Sie dürfen nicht (längerfristig) glücklich sein.

Das lässt sich auf jede Art von Unterhaltungsliteratur übertragen. Und es heißt für die Figuren Ihres Romans oder Ihrer Erzählung: Bloß keine Harmonie! Nichts langweilt auf Dauer mehr, als zufriedene Menschen und verliebte Paare. Es klingt zwar paradox, aber: Die Protagonisten müssen leiden, leiden und noch mehr leiden, damit die Leser sich gut unterhalten fühlen.

Mehr über die Anforderungen an literarische Figuren finden Sie in dem Schreibratgeber: Helden, Helfer und Halunken. Perfekte Figuren für Ihren Roman.