Rückblende: „Köln Spezial“ im März 2015 – Schreiben in der alten Brotfabrik

Der zweite Termin von Köln spezial führte uns nach Köln-Dünnwald in die Art Factory, ein wunderbar inspirierender Ort. Und das Besondere: Hier, wo heute rund dreißig Künstler ihre Ateliers haben, wurde fast hundert Jahre lang Brot gebacken. Überall in den Gebäuden sind noch Spuren der Brotfabrik Schnass zu finden.

Brotfabrik-HefteZunächst trafen wir uns im Atelier der Künstlerin und Buchbinderin Petra Paffenholz, die für die Teilnehmerinnen als Überraschung Notizheftchen vorbereitet hatte. Mit dem „Beschreiben“ stand diesmal eine mit der Kunst eng verwandte Schreibform im Mittelpunkt des Seminars, denn Beschreiben ist nichts anderes als „Malen mit Wörtern“. Nach einer Kennenlernrunde und einer Kurzeinführung ins Thema ging es auf Spurensuche. Wer mochte, konnte sich von Petra Paffenholz’ Plastiken und Bildern anregen lassen, in den Fluren und Treppenhäuser sowie bei der Künstlerin und Designerin Ines Braun, die extra ihr Atelier für uns geöffnet hatte, gab es ebenfalls viel zu entdecken. Dort herrschte eine sehr spezielle Atmosphäre, die manche Teilnehmerin zunächst irritierte.

Das Atelier von Ines Braun (Foto: Isa Schikorsky)

Das Atelier von Ines Braun (Foto: Isa Schikorsky)

Düsternis und Niedergeschlagenheit angesichts des Sammelsuriums legen sich wie eine Fettschicht auf meine Stimmung. Das Atelier dünstet Sterben und Vergänglichkeit aus. Ich fühle mich wie ein Kind, dass man in einem Keller eingesperrt hat. (Babette Vormann)

In diesem Raum ist es fast dunkel. Die maroden und verstaubten Kunstobjekte oder Gegenstände haben etwas Gespenstiges. Es riecht nach Trödelladen oder modrigem Keller. (Ursel Schneider-Veltrup)

Nach und nach fanden die herumirrenden Blicke jedoch Halt und entdeckten Gegenstände, die faszinierten und Erinnerungen weckten. Bei Anke Breuer führten sie zurück in die Kindheit:

Foto: Anke Breuer

Foto: Anke Breuer

Beine. Arme. Arme Beine. Arme Arme. Arme ab. Beine dran. Durcheinander. Klobige Zehen. Dünne Zehen. Fehlende Zehen. Ein paar Zehen hier. Und dort.
Lisa hieß sie.
Plastik. Stoff. Dünner Stoff. Dünner gewordener Stoff. Die Zeit. Gummi. Staub. Moder. In der Nase juckt es.
Meine Erste. Langes, schwarzes Haar. Ich habe ihr Zöpfe geflochten. Und nie wieder herausbekommen. Ich schnitt sie ab.
Lockige. Weiche. Lange. Kurze. Drahtige. Eingestaubte. Haare über Haare. Überall.
Oma hatte ihr etwas genäht. In orange. Ich wollte ein blaues Kleid. Damals.
(Den gesamten Text von „Puppentheater“ finden Sie hier …)

Ursel Schneider-Veltrup dagegen fühlte sich unvermittelt an den Anfang ihrer Berufstätigkeit erinnert.

Da steht sie: Eine Kiste mit einer weißen Plastikdecke und darauf dieses alte, gute Stück. Schwarz ist sie und oben steht in großen Lettern „Ideal“, der Firmennamen. Sie ist in einem schlechten Zustand. Die Typenhebel am Segment in der Mitte sind verrostet, die Tasten verstaubt und kaum zu bedienen. Die Walze, ursprünglich schwarz, ist grau, verwittert, alt. Das Farbband fehlt ganz. Nur die Aufhängung ist noch zu erkennen. Die Maschine ist also nicht zu gebrauchen. Alle Tasten sind zwar vollzählig und auch angeordnet wie heute auf den modernen Computern, in der Mitte mit jklö, fdsa, aber ich kann sie nicht zum Anschlagen bringen.

Sprachlich präzise, mit konkreten, genau beobachteten Details und verschiedenen Sinnen wurden die Stimmung des Raums und die ihn füllenden Dinge wahrgenommen. Nicht alle Teilnehmerinnen blieben in der realen Welt. Die von den teilweise verfremdeten Objekten ausgelösten Assoziationen führten sie weit über die Gegenwart von Ort und Zeit hinaus:

Foto: Monika Schmitt

Foto: Monika Schmitt

Gammaquadrant +127° 55“ 23‘ , der Mond Proteus des Planeten Triton kreist in gleichem Drehsinn aber dennoch in gebührendem Abstand um dessen Achse. Unwirkliche Landschaft, staubig, kalt und menschenleer. Und mitten in dieser kargen Landschaft eiert ein kleines Ding langsam vorwärts. Ferngesteuert. In der Stille quietscht es kaum hörbar auf seinem Weg zum nächsten Felsen. Die Unebenheiten nimmt es locker mit der ausgefeilten Technik: vier Räder, zwei große hinten, zwei kleine in der Mitte hintereinander. Sie sorgen mit ihrem Radlager für eine behände Beweglichkeit. Sauerstoffgehalt 0 %, Schwefelwasserstoff 80 %. Es stinkt nach faulen Eiern. (Monika Schmitt)

Auch Babette Vormann entdeckte schließlich etwas, das ihren ersten Eindruck revidierte. Es waren – ausgerechnet – Insekten.

[Insekten] aus Fahrradreflektoren, Schrauben und Drähten gebastelt. Sie sprühen geradezu vor Lebenslust, indem sie in einem leuchtenden Orange das spärliche Nebellicht reflektieren, das durch die verstaubten Fenster den Weg zu ihnen gefunden hat. Es wirkt so, als würden sie Tiefseefischen ähnlich von selber leuchten. Sie trotzen der Trostlosigkeit wie aufkeimende Frühlingsblumen, die durch eisige, verkrustete Böden ihre bunten Blüten offenbaren. Die Käfer faszinieren mich, denn sie zeigen mir mit ihrer überraschenden Frische, dass selbst im tiefsten Grau Hoffnung und Beginn lauern.

In der abschließenden Leserunde wurden wunderbare Beschreibungen voller Assoziationen vorgestellt. Manche komisch und skurril, andere ernst und melancholisch, alle ganz individuell.

Ein ganz herzliches Dankeschön geht an Ines Braun und Petra Paffenholz, die uns diesen anregenden Nachmittag ermöglichten: Petra Paffenholz bietet in ihrem Atelier regelmäßig Buchbinde-Workshops an, die nächsten finden am 25. April und 13. Juni statt. Die Kunst von Ines Braun können Sie ab 17. Mai 2015 im Westfälischen Landesmuseum Herne kennenlernen, denn dann wird die Sonderausstellung „AberGlaube“ eröffnet, in der sie und eine Kollegin mit über 150 Kunstobjekten einen außergewöhnlichen Bezug zu den jahrtausendealten archäologischen Funden herstellen.

Und ein ebenso herzliches Dankeschön an Anke Breuer, Monika Schmitt, Ursel Schneider-Veltrup und Babette Vormann, die mir erlaubten, hier Ausschnitte aus ihren Texten vorzustellen.

Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben auf „Köln spezial“: Am 21. Mai 2015 steht Schreiben in der Flora auf dem Programm. Dann können Sie sich von Blumenduft, Vogelgezwitscher und Blätterrauschen zu Gedichten und Geschichten inspirieren lassen.

Advertisements

2 Gedanken zu „Rückblende: „Köln Spezial“ im März 2015 – Schreiben in der alten Brotfabrik

  1. angelika jacob

    Montagmorgen, Frühling in Bestform, voller Tatendrang schaue ich in meine E mails, Post von Isa Schikorsky, beginne freudig zu lesen – und falle aus der Zeit!
    Unvermittelt tauche ich ab: in eine faszinierend staubige Vergangenheit, zieht es mich zunächst widerstrebend in Dunkelheit, Mystik und verstörendes Unbehagen über abgetrennte Körperteile , bis mich das eingefangene Licht in orangefarbigen Katzenaugen wieder in den Sonnenschein des hellen Frühlingsmorgen geleitet.
    Was für ein Stimmungsbild! Gerne wäre ich dabeigewesen…
    Vielen Dank für diesen kreativen Schub zum Aufbruch in meine Schreibwoche!
    Frühlingshafte Grüße vom Schwarzwald ins schöne Rheinland !
    Angelika Jacob

    Antwort
    1. Isa Schikorsky Autor

      Vielen Dank, liebe Frau Jacob, für Ihren Kommentar. Wie schön, dass Sie sich von der Textcollage so intensiv angesprochen fühlen. Die Frühlingsgrüße erwidere ich gern, auch im Rheinland ist es wunderschön!

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s