Archiv für den Monat April 2015

Rückblende: „Köln Spezial“ im März 2015 – Schreiben in der alten Brotfabrik

Der zweite Termin von Köln spezial führte uns nach Köln-Dünnwald in die Art Factory, ein wunderbar inspirierender Ort. Und das Besondere: Hier, wo heute rund dreißig Künstler ihre Ateliers haben, wurde fast hundert Jahre lang Brot gebacken. Überall in den Gebäuden sind noch Spuren der Brotfabrik Schnass zu finden.

Brotfabrik-HefteZunächst trafen wir uns im Atelier der Künstlerin und Buchbinderin Petra Paffenholz, die für die Teilnehmerinnen als Überraschung Notizheftchen vorbereitet hatte. Mit dem „Beschreiben“ stand diesmal eine mit der Kunst eng verwandte Schreibform im Mittelpunkt des Seminars, denn Beschreiben ist nichts anderes als „Malen mit Wörtern“. Nach einer Kennenlernrunde und einer Kurzeinführung ins Thema ging es auf Spurensuche. Wer mochte, konnte sich von Petra Paffenholz’ Plastiken und Bildern anregen lassen, in den Fluren und Treppenhäuser sowie bei der Künstlerin und Designerin Ines Braun, die extra ihr Atelier für uns geöffnet hatte, gab es ebenfalls viel zu entdecken. Dort herrschte eine sehr spezielle Atmosphäre, die manche Teilnehmerin zunächst irritierte.

Das Atelier von Ines Braun (Foto: Isa Schikorsky)

Das Atelier von Ines Braun (Foto: Isa Schikorsky)

Düsternis und Niedergeschlagenheit angesichts des Sammelsuriums legen sich wie eine Fettschicht auf meine Stimmung. Das Atelier dünstet Sterben und Vergänglichkeit aus. Ich fühle mich wie ein Kind, dass man in einem Keller eingesperrt hat. (Babette Vormann)

In diesem Raum ist es fast dunkel. Die maroden und verstaubten Kunstobjekte oder Gegenstände haben etwas Gespenstiges. Es riecht nach Trödelladen oder modrigem Keller. (Ursel Schneider-Veltrup)

Nach und nach fanden die herumirrenden Blicke jedoch Halt und entdeckten Gegenstände, die faszinierten und Erinnerungen weckten. Bei Anke Breuer führten sie zurück in die Kindheit:

Foto: Anke Breuer

Foto: Anke Breuer

Beine. Arme. Arme Beine. Arme Arme. Arme ab. Beine dran. Durcheinander. Klobige Zehen. Dünne Zehen. Fehlende Zehen. Ein paar Zehen hier. Und dort.
Lisa hieß sie.
Plastik. Stoff. Dünner Stoff. Dünner gewordener Stoff. Die Zeit. Gummi. Staub. Moder. In der Nase juckt es.
Meine Erste. Langes, schwarzes Haar. Ich habe ihr Zöpfe geflochten. Und nie wieder herausbekommen. Ich schnitt sie ab.
Lockige. Weiche. Lange. Kurze. Drahtige. Eingestaubte. Haare über Haare. Überall.
Oma hatte ihr etwas genäht. In orange. Ich wollte ein blaues Kleid. Damals.
(Den gesamten Text von „Puppentheater“ finden Sie hier …)

Ursel Schneider-Veltrup dagegen fühlte sich unvermittelt an den Anfang ihrer Berufstätigkeit erinnert.

Da steht sie: Eine Kiste mit einer weißen Plastikdecke und darauf dieses alte, gute Stück. Schwarz ist sie und oben steht in großen Lettern „Ideal“, der Firmennamen. Sie ist in einem schlechten Zustand. Die Typenhebel am Segment in der Mitte sind verrostet, die Tasten verstaubt und kaum zu bedienen. Die Walze, ursprünglich schwarz, ist grau, verwittert, alt. Das Farbband fehlt ganz. Nur die Aufhängung ist noch zu erkennen. Die Maschine ist also nicht zu gebrauchen. Alle Tasten sind zwar vollzählig und auch angeordnet wie heute auf den modernen Computern, in der Mitte mit jklö, fdsa, aber ich kann sie nicht zum Anschlagen bringen.

Sprachlich präzise, mit konkreten, genau beobachteten Details und verschiedenen Sinnen wurden die Stimmung des Raums und die ihn füllenden Dinge wahrgenommen. Nicht alle Teilnehmerinnen blieben in der realen Welt. Die von den teilweise verfremdeten Objekten ausgelösten Assoziationen führten sie weit über die Gegenwart von Ort und Zeit hinaus:

Foto: Monika Schmitt

Foto: Monika Schmitt

Gammaquadrant +127° 55“ 23‘ , der Mond Proteus des Planeten Triton kreist in gleichem Drehsinn aber dennoch in gebührendem Abstand um dessen Achse. Unwirkliche Landschaft, staubig, kalt und menschenleer. Und mitten in dieser kargen Landschaft eiert ein kleines Ding langsam vorwärts. Ferngesteuert. In der Stille quietscht es kaum hörbar auf seinem Weg zum nächsten Felsen. Die Unebenheiten nimmt es locker mit der ausgefeilten Technik: vier Räder, zwei große hinten, zwei kleine in der Mitte hintereinander. Sie sorgen mit ihrem Radlager für eine behände Beweglichkeit. Sauerstoffgehalt 0 %, Schwefelwasserstoff 80 %. Es stinkt nach faulen Eiern. (Monika Schmitt)

Auch Babette Vormann entdeckte schließlich etwas, das ihren ersten Eindruck revidierte. Es waren – ausgerechnet – Insekten.

[Insekten] aus Fahrradreflektoren, Schrauben und Drähten gebastelt. Sie sprühen geradezu vor Lebenslust, indem sie in einem leuchtenden Orange das spärliche Nebellicht reflektieren, das durch die verstaubten Fenster den Weg zu ihnen gefunden hat. Es wirkt so, als würden sie Tiefseefischen ähnlich von selber leuchten. Sie trotzen der Trostlosigkeit wie aufkeimende Frühlingsblumen, die durch eisige, verkrustete Böden ihre bunten Blüten offenbaren. Die Käfer faszinieren mich, denn sie zeigen mir mit ihrer überraschenden Frische, dass selbst im tiefsten Grau Hoffnung und Beginn lauern.

In der abschließenden Leserunde wurden wunderbare Beschreibungen voller Assoziationen vorgestellt. Manche komisch und skurril, andere ernst und melancholisch, alle ganz individuell.

Ein ganz herzliches Dankeschön geht an Ines Braun und Petra Paffenholz, die uns diesen anregenden Nachmittag ermöglichten: Petra Paffenholz bietet in ihrem Atelier regelmäßig Buchbinde-Workshops an, die nächsten finden am 25. April und 13. Juni statt. Die Kunst von Ines Braun können Sie ab 17. Mai 2015 im Westfälischen Landesmuseum Herne kennenlernen, denn dann wird die Sonderausstellung „AberGlaube“ eröffnet, in der sie und eine Kollegin mit über 150 Kunstobjekten einen außergewöhnlichen Bezug zu den jahrtausendealten archäologischen Funden herstellen.

Und ein ebenso herzliches Dankeschön an Anke Breuer, Monika Schmitt, Ursel Schneider-Veltrup und Babette Vormann, die mir erlaubten, hier Ausschnitte aus ihren Texten vorzustellen.

Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben auf „Köln spezial“: Am 21. Mai 2015 steht Schreiben in der Flora auf dem Programm. Dann können Sie sich von Blumenduft, Vogelgezwitscher und Blätterrauschen zu Gedichten und Geschichten inspirieren lassen.

Schreibwettbewerbe – Wie denken Sie darüber?

Man kann durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob die Beteiligung an Literaturwettbewerben sinnvoll ist. Zu den Vorteilen zählen: Wenig erfahrene Autorinnen und Autoren erhalten eine Chance, stärker wahrgenommen zu werden; ein Gewinn hübscht die Vita auf; und auch der Preis selbst ist oft nicht zu verachten, sei es ein Geldpreis, ein attraktiver Sachpreis oder eine Veröffentlichung. Dazu kommen positive Nebeneffekte für Sie. Sie machen wichtige Schreiberfahrungen, sind gezwungen, Texte abzuschließen und einer (wenn auch zunächst beschränkten) Öffentlichkeit zur Beurteilung zu überlassen – ein wichtiger Schritt zur professionellen Autorschaft.

Doch es gibt auch Gegenargumente. Wer mit einem größeren Schreibprojekt beschäftigt ist, verzettelt sich möglicherweise, wenn er immer wieder anderes dazwischenschiebt. Die Chancen auf einen Gewinn sind aufgrund der großen Teilnehmerzahl meist verschwindend gering. Wer mehrfach nicht berücksichtigt wird, empfindet leicht Frust, selbst wenn eine Ablehnung bei der Menge der Einsendungen nicht unbedingt etwas über die Qualität eines Textes aussagt. Und: Nicht alle Wettbewerbe sind seriös. Lohnt die Teilnahme, wenn Sie für ein Preisgeld von vielleicht 50 Euro das Recht an Ihrem Text ganz verlieren? Wie viel bringt Ihnen die „Einladung“ zu einer Lesung, wenn Sie die Anreisekosten selbst tragen sollen? Wie attraktiv ist der Gewinn eines Büchergutscheins eines gänzlich unbekannten Kleinstverlages oder die Beteiligung an einer Anthologie mit der Verpflichtung, eine bestimmte Menge der Bücher kaufen zu müssen? Hier sollten Sie sich fragen, ob Ihre schriftstellerische Leistung und der mögliche Gewinn in der richtigen Relation zueinander stehen. Noch kritischer wird es, wenn Sie für die Teilnahme zahlen sollen. Oft sind es nur 10 oder 15 Euro, die nicht wirklich wehtun. Für den Veranstalter kommt allerdings ein nettes Sümmchen zusammen, wenn Sie bedenken, dass drei- bis achthundert Einsendungen keine Seltenheit sind. Und wer überprüft, ob die Preise später wirklich vergeben werden?

Schreibtipp Für jeden Wettbewerb gelten besondere Bedingungen. Üblich sind Vorgaben zur Gattung, zum Thema, zum regionalen Bezug und zum Umfang. Außerdem gelten oft Einschränkungen im Hinblick auf Geschlecht, Alter oder Wohnort des Bewerbers. Ganz wichtig: Lesen Sie sich den Ausschreibungstext genau durch und halten Sie die Forderungen in jedem Fall ein! Ist als Höchstalter 35 Jahre festgesetzt, gibt es keine Ausnahmen für 36-Jährige. Wenn es um die Gattung der Kurzgeschichte geht, haben Gedichte, Essays oder Dramen keine Chance, egal wie gut sie geschrieben sind. Auch die Angaben zum Umfang sollten Sie sehr ernst nehmen. Wenn die Höchstgrenze bei 6.000 Zeichen liegt (immer inklusive der Leerzeichen), kann die Jury einen Text mit 6.002 Zeichen nicht berücksichtigen. Im Zweifelsfall wird tatsächlich nachgezählt.

Mir sind in letzter Zeit folgende Ausschreibungen aufgefallen:

Die Ausschreibung für den 6. Literaturpreis 2016 Antho? – Logisch! zum Thema „Freiheit“, Einsendungen bis zum 30. Mai 2015. Das Preisgeld von 1.500 Euro können allerdings leider nur Autoren einstreichen, die bereits literarische Texte veröffentlicht haben.

Über einen Abdruck seiner Geschichte im auflagenstarken „Buchjournal“ darf sich der Sieger des Buchjournal-Schreibwettbewerbs freuen. Außerdem gibt es Bücherschecks und eine Publikation bei BoD (Wert: 2000 Euro) zu gewinnen. Ein Thema ist nicht vorgegeben, Einsendeschluss ist der  31. Mai 2015.

Der Reiseführerverlag Michael Müller erwartet Reisereportagen von Travellern, die nicht älter als 35 Jahre sind, die Preisgelder sind mit 3000, 1500 und 750 Euro vergleichsweise üppig. Einsendeschluss ist der 31. August 2015.

Ich wünsche allen, die sich beteiligen, viel Erfolg. Und ich freue mich, etwas über Ihre Ansichten und Erfahrungen zum Thema „Schreibwettbewerb“ zu erfahren.

Und wer Leverkusen und Umgebung wohnt, kann sich am Dienstag, 28. April 2015, einen Eindruck von Wettbewerbssiegern und Ihren Texten verschaffen. Dann werden die Gewinner des Leverkusener Short-Story-Preises 2015 ausgezeichnet und lesen ihre Geschichten vor. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr in der Stadtbibliothek Leverkusen (Wiesdorf): Hier Adresse und Lageplan der Stadtbibliothek Leverkusen