Archiv für den Monat Februar 2015

Nicht nur, wenn die Muse küsst: Schreibplanung

SchreibplanungSicher stand das Schreiben auch bei vielen von Ihnen auf der Liste der guten Vorsätze für 2015. Haben auch Sie sich vorgenommen, mehr Zeit mit dem Schreiben von Erzählungen und Gedichten, vielleicht auch einem Roman zu verbringen? Sechs Wochen ist das neue Jahr nun alt, eine gute Gelegenheit zur Nachfrage: Haben Sie es geschafft? Wenn ja – herzlichen Glückwunsch! Wenn nein, dann helfen Ihnen die folgenden Tipps dabei, einen Plan zu entwickeln, mit dem nicht nur der Einstieg gelingt, sondern das Schreiben langfristig fester Bestandteil Ihres Lebens wird.

SchreibtippKonkrete Ziele setzen: Dieser Tipp gilt für alle Vorsätze. Nehmen Sie sich nicht einfach nur vor: „Ich will endlich mehr schreiben“, sondern formulieren Sie klare Ziele. Das kann die Beteiligung an einem bestimmten Wettbewerb sein, Abschluss und Überarbeitung einer halbfertigen Geschichte, Zusammenstellung eines Sammelbandes mit Erzählungen oder Gedichten oder das Großprojekt Roman.

Realistisch bleiben: Sie sind ganztags berufstätig, haben zwei Kleinkinder, einige Ehrenämter und treiben mehrmals die Woche Sport? Und Sie wollen einen Roman schreiben? Ein ambitionierter Plan. Werfen Sie einen kritischen Blick in Ihren Kalender. Wenn Sie gerade mal zwei freie Stunden pro Woche finden, könnten Sie Ihren Roman in zehn Jahren abschließen. Vielleicht wäre in diesem Fall eine Kurzgeschichte doch ein geeigneteres Projekt? Auch bei der Detailplanung ist Augenmaß gefragt. Ob es einem Langschläfer vom Typ Eule wirklich gelingt, jeden Tag zwei Stunden eher aufzustehen, um zu schreiben? Folgen Sie Ihrem Biorhythmus. Entscheiden sollten Sie auch, ob das Zeit- oder das Seitenprinzip für Sie besser passt. Zeiten sind leichter zu planen, aber keine Garantie dafür, dass auch wirklich Text entsteht. Die Stunden am Schreibtisch lassen sich auch mit Recherche, dem Lesen von Ratgebern oder ständigem Korrigieren zubringen. Beim Seitenprinzip legen Sie dagegen fest, eine bestimmte Anzahl an Wörtern oder Seiten pro Tag oder Woche zu schreiben. So sind Sie flexibler, wenn Sie an einem Tag nicht dazu kommen, können Sie am nächsten das doppelte Pensum erledigen. Aber genau da lauert das Problem: Wer nicht sehr diszipliniert arbeitet, schiebt schnell einen virtuellen Berg an ungeschriebenen Seiten vor sich her.

Regelmäßig schreiben: Ich weiß, dass es Autorinnen und Autoren gibt, die feste Schreibtermine ablehnen und statt dessen auf den Musenkuss vertrauen, der sie die Nächte durchschreiben lässt. So intensiv ein Schreibrausch sein kann, allzu oft folgt ihm der Kater in Form einer Blockade, und am Ende bleiben Tage voller Müdigkeit und eine Sammlung von Textfragmenten. Regelmäßigkeit ist für mich die wichtigste Bedingung, um das Schreiben fest im Leben zu verankern. Das kann ein Abend pro Woche sein. Wer einen Roman schreiben will, sollte sich mindestens dreimal pro Woche einen halben Tag Schreibzeit reservieren können. Wenn möglich, folgen Sie dabei dem Prinzip: erst das Schreiben, dann die Pflichten. Häufig wird Schreiben als eine Art Belohnung eingeplant, wenn die Hausarbeit erledigt und das Sportprogramm absolviert ist. Wenn dann etwas dazwischenkommt, bleibt es auf der Strecke. Machen Sie es also umgekehrt: Putzen und Waschen können Sie auch noch, wenn Sie vom Denken und Schreiben erschöpft sind.

Konsequent sein: Ganz wichtig: Tragen Sie Ihre Schreibzeiten wie alle anderen Termine in Ihren Kalender ein und halten Sie sie wirklich ein. Ausreden wie „Heute fällt mir sowieso nichts ein“ gelten nicht. Schalten Sie den Anrufbeantworter ein und die Handyklingel aus, hängen Sie das Bitte-nicht-stören-Schild an die Tür, machen Sie Ihrer Familie eindringlich klar, dass Sie jetzt drei Stunden nicht ansprechbar sind, und halten Sie sich vor allem selbst konsequent daran. Gegen Umgebungslärm helfen schallschluckende Kopfhörer. Vielleicht gehören aber auch zu denjenigen Menschen, die besonders gut in Cafés oder Bars schreiben können. Die Hintergrundgeräusche wirken unter Umständen nicht störend, sondern steigern die Konzentration.

Unterstützung suchen: Melden Sie sich zu einem Schreibkurs an oder gründen Sie selbst eine Schreibgruppe. So können Sie etwas von Ihrer Arbeit vorstellen und bekommen meist noch viele Anregungen. Achten Sie aber darauf, sich nicht zu verzetteln. Buchen Sie nicht so viele Seminare, dass keine Zeit mehr zum Schreiben bleibt.

Brauchen Sie eine Belohnung? Eigentlich nicht. Wenn im Ordner für Ihre literarischen Produkte nach und nach die fertigen Geschichten und Gedichte in der Überzahl sind oder der Roman Kapitel um Kapitel wächst, ist das sicher die schönste Bestätigung und zugleich auch der beste Anreiz fürs Weitermachen.

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Erzählperspektiven verschränken – ein Beispiel

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Das Thema »Erzählperspektiven« ist mir als Leserin, Autorin und Lektorin besonders wichtig, denn daran erkennt man schnell, ob jemand sein Handwerkszeug beherrscht oder nicht. Dass die Anwendung nicht beliebig ist, sondern in engem Bezug zum Inhalt des Erzählten steht, lässt sich am Beispiel von Dieter Wellershoffs Roman »Der Liebeswunsch« illustrieren. Er hat die Perspektiven der vier Hauptfiguren auf raffinierte Weise miteinander verschränkt. Der Roman handelt von zwei Frauen und zwei Männern, die durch wechselnde Liebes- und Freundschaftsbeziehungen miteinander verbunden sind. Es gibt Kapitel, in denen Paul, Marlene und Anja selbst erzählen, und andere, in denen ein Er- oder Sie-Erzähler ihnen oder auch dem vierten Protagonisten, Leonhard, folgt. Außerdem gibt es Passsagen, in denen ein überschauender, aber neutral-objektiv bleibender Erzähler auftritt. Bemerkenswerterweise kommt Leonhard als Einziger nicht mit eigener Stimme zu Wort (außer im Dialog). Damit unterstreicht Wellershoff die Rolle des Juristen als ratio­nalem, sehr sachorientiert handelndem Gegenpart zu den drei anderen, emotional unsteten, von einer Gefühlskrise in die andere schlitternden Figuren. Manche Geschehnisse werden aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. So heißt es zum Beispiel aus Anjas Perspektive:

Am Abend vor meinem dreiunddreißigsten Geburtstag kamen Paul und Marlene zu Besuch. (S.100)

Im nächsten Kapitel dann schildert ein Er-Erzähler dieses Ereignis aus Leonhards Sicht in der Rückblende:

Heute war Anjas Geburtstag. Und gestern waren Marlene und Paul zum Romméabend gekommen, um mit ihnen in den Geburtstag hinüberzufeiern. Er war dankbar gewesen, daß sie zugesagt hatten. (S. 123)

Da in »Der Liebeswunsch« zu Beginn der Kapitel die Perspektivfigur nicht immer ausdrücklich genannt wird, ist es zuweilen mühevoll, sie zu identifizieren. Doch diese Erzählweise korrespondiert überzeugend mit dem Inhalt. Die perspektivischen Überblendungen und Verknüpfungen machen die Labilität und Störanfälligkeit von Beziehungen deutlich, denn Wellershoffs Roman handelt ähnlich wie Goethes »Wahlverwandtschaften« von den Anziehungs- und Abstoßungskräften zwischen Paaren. Das Handeln einer Figur wirkt sich immer auch auf die anderen aus, jeder ist zugleich Täter und Opfer, verletzt andere und wird selbst verletzt. Die Vielfalt der Per­spektiven lässt dieses Geflecht aus Liebe, Vertrauen, Verrat und Verzweiflung für den Leser unmittelbar anschaulich und emotional nachvollziehbar werden.

Dieter Wellershoff: Der Liebeswunsch. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2000

Mehr zum Thema: Isa Schikorsky: Helden, Helfer und Halunken. Perfekte Figuren für Ihren Roman. Ein Schreibratgeber. Norderstedt: BoD 2014

Wenn Sie erfahren und erproben möchten, wie Sie für Ihre Erzählungen und Romane unverwechselbare und überzeugende Figuren erfinden, melden Sie sich zum Basisseminar Erzählen: Figuren vom 20. bis 22. März 2015 in Ahrweiler an.

Ein Spiel mit Buchstaben und Wörtern

Lyrik

Sie ist Ursprung und zugleich Königsdisziplin des Schreibens – die Poesie. Es gibt viele verschiedene Wege zum Gedicht, am ersten Abend des Programms Köln Spezial haben wir es mit spielerischer Leichtigkeit probiert. Sechs Teilnehmerinnen hatten sich um den großen Tisch versammelt und ließen ihrer Fantasie Flügel wachsen. Innerhalb von drei Stunden erprobten sie verschiedene lyrische Formen, zum Beispiel den Haiku. Hier ein Beispiel von Brigitte Lüghausen:

Winterrose blüht
unter dem welken Herbstlaub
lugt sie keck hervor

Lyrik-cmykEs folgten Elfchen und Schneeballgedichte und zum Abschluss herrlich skurrile Vokalgedichte nach dem Vorbild von Ernst Jandls unvergleichlichem „ottos mops“. Es wurde viel gelacht bei dem Versuch, sinnhafte Verse mit U-Wörtern wie „Ulf tut Rum gut“ zu erfinden. Noch Tage später spukten Ruth, Mus, Humus, Kuh, Hund und zahlreiche andere Begriffe mit U durch unsere Köpfe.

Haben Sie Lust, selbst einen Haiku zu schreiben? So geht es:Schreibtipp

  • Der japanische Haiku ist die kürzeste Gedichtform der Weltliteratur.
  • Ein Haiku besteht aus 17 Silben: 5 Silben auf der ersten Zeile, 7 Silben auf der zweiten Zeile und wieder 5 Silben auf der dritten Zeile.
  • In jedem Haiku sollte die Jahres- oder Tageszeit erkennbar sein.
  • Erinnern Sie sich an einen Platz in der Natur oder an ein Naturerlebnis, mit dem sich für Sie eine bestimmte Empfindung verbindet.
  • Schreiben Sie zunächst in kurzen Zeilen auf, was Ihnen dazu einfällt.
  • Wählen Sie dann die treffendsten Zeilen aus.
  • Passen Sie Ihren Text dann der Haiku-Form an.

Wenn Sie einen kleinen Schreibkick zwischendurch gebrauchen können, kommen Sie doch zu einer Veranstaltung von Köln Spezial. Fünfmal können Sie 2015 noch Inspiration in der Stadt erleben. Demnächst beim Schreiben in der alten Brotfabrik:

Wann und Wo?
Donnerstag, 19. März 2015, 17–20 Uhr, 20 Euro
Ort: Atelier Petra Paffenholz, Dünnwalder Mauspfad 341, 51069 Köln-Dünnwald
Bitte bis 16.03.2015 telefonisch (0221 4856490) oder per E-Mail (Isa@Schikorsky.de) anmelden.