Archiv für den Monat Oktober 2014

Kurze Geschichte = Kurzgeschichte? Ein Wettbewerb und ein Schreibseminar

Nein, nicht jede kurze Geschichte ist eine Kurzgeschichte. Für diese „kleine Literaturgattung“ gelten besondere Regeln. Eine Kurzgeschichte sollte nicht nur vom Umfang her, sondern auch in Inhalt und Gestaltung knapp, prägnant sowie konzentriert sein und nichts Überflüssiges enthalten. Es gibt nur wenige, jeweils auf eine wesentliche Charaktereigenschaft reduzierte Figuren (meist nur eine oder zwei), ein Geschehnis, eine Aussage. Im Idealfall besteht eine Kurzgeschichte aus einer einzigen Szene und einem Schauplatz, alles sollte in Handlung umgesetzt werden. Als „ein Stück herausgerissenes Leben“ wird die Kurzgeschichte manchmal auch bezeichnet, das trifft es meiner Ansicht nach sehr gut. Der Leser wird direkt in die Handlung hineingeführt und die Geschichte endet abrupt. Trotzdem sollte sie nicht auf ein oberflächliches Geschehen begrenzt bleiben. Otto Schumann hat bereits in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts sehr kluge und heute noch bedenkenswerte Dinge über das „Geschriebene Blitzlicht“ gesagt (Grundlagen und Techniken der Schreibkunst). Mir gefällt vor allem sein Vergleich der Kurzgeschichte mit einem Eisberg: Nur der kleinste Teil ist sichtbar, unter der Oberfläche (also zwischen den Zeilen) verbirgt sich die eigentliche Aussage.

Wenn Sie in Nordrhein-Westfalen leben, können Sie sich mit einer Kurzgeschichte am Leverkusener Short-Story-Wettbewerb  beteiligen (bis 14.01.2015). Es gibt Geldpreise in Höhe von insgesamt 800 Euro zu gewinnen.

Wenn Sie mehr über das Schreiben von Kurzgeschichten erfahren möchten, melden Sie sich doch zum Wochenendseminar an der Volkshochschule Leverkusen (8. und 9. November 2014, jeweils 10-16 Uhr, 64 Euro) an. Da erhalten Sie viele weitere Tipps, können eigene Kurzgeschichten entwickeln und schreiben und in der Gruppe über Ihre Texte und literarische Beispiele diskutieren.

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Mörderisch kreative Schreibtage in Hillesheim

Krimihotel-2014Es ging wieder mörderisch kreativ zu beim inzwischen dritten Krimiseminar in der Eifel. Sieben Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer reisten an – aus der Schweiz und der Eifel, aus Franken und Hessen, aus dem Rheinland und vom  Niederrhein. Alle waren entschlossen, das meist schon lange geplante Projekt Krimischreiben endlich in die Tat umzusetzen.

Von Mittwoch bis Freitag wurde intensiv gearbeitet und viel gelacht. Besonderen Spaß machte es, die vorgestellten Ideen weiterzuspinnen. Jeder Teilnehmer entwickelte zunächst einen Plot, dann eine Ermittlerfigur. Am Donnerstagvormittag ging es auf Schauplatzsuche durch Hillesheim. Erstaunlich, was dabei alles gefunden wurde: geheimnisvolle Villen, interessante Charaktere, besondere Details. Auch das Krimihotel mit seinem einzigartigen Flair und Interieur regte die Fantasie an. Selbst beim Abendessen wurde weiter über Mord- und Todesarten diskutiert. Am Ende des Seminars hatte jeder einen Anfang geschrieben.

Birgit Hächls Krimi spielt in einem Städtchen, das Hillesheim in mancher Einzelheit ähnelt. Doch der Ort wirkt nur zu Beginn idyllisch:

Der Wald um Hohheim hatte längst sein flammendes Herbstkleid angelegt, aber regenschwangeres Grau dämpfte die Farben und drückte auf die Stimmung der Menschen. Sie eilten über den kleinen Wochenmarkt und hofften noch vor dem Guss ihre warmen Stuben, ihre Zeitung und ihr Käffchen zu erreichen. Was auch immer in der Welt draußen vor sich ging, in ihrem kleinen Städtchen war alles im Lot.

Anne Pöttgen führt uns an einen Ort, an dem Klatsch und Tratsch blühen und zu  kuriosen Spekulationen und Verdächtigungen führen. Mehr sei darüber noch nicht verraten. Ihr Krimi  „Wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ beginnt so:

Die Börse war schon wieder auf Talfahrt. Wie oft hatte Christel  diese Nachricht schon gelesen. Aber das konnte ihr ganz egal sein, sie hatte längst keine Aktien und kein Depot mehr. Ihr verstorbener Mann Werner und ihr eigener Fleiß während eines langen Lebens hatten dafür gesorgt, dass es ihr trotzdem gut ging. Sie kämmte sich ihre grauen Haare und machte sich auf den Weg zu ihrer Freundin Frau Klunemeier.

Mit einem tragischen Unfall lässt Bob Klenk seinen Krimi „Tod am Baum“ beginnen:

Vulkaneifel, Ende Oktober, es war bestimmt schon schöner hier. Früher Morgen. Schwarze Wolken ziehen rasch vorüber, lassen es da und dort regnen. Polizisten stehen am Waldrand um ein Auto herum, fotografieren, sichern Spuren. Die Frau am Steuer hängt mehr in ihrem Gurt, als dass sie sitzt, der Airbag ebenso schlaff aus dem Lenkrad. Auf der Rückbank liegt ein Plüschtier.

Eine Frau ist verschwunden, die Freundin macht sich Sorgen. Damit beginnt der Krimi von Ingrid Marxen:

„Sie müssen unbedingt etwas unternehmen!“ Luzia Kilens rang nervös ihre Hände und schaute Komissar Werner Menrath hilfesuchend an.

„Wann, sagten Sie, haben sie Frau Anmeier zuletzt gesehen?“

„Es war letzten Dienstag. Nach der Beerdigung habe ich Carla vor ihrer Haustür abgesetzt …“

Brigitte Tjiongs Krimi spielt auf Gran Canaria und in der Eifel. Viel Vergnügen bereitete uns ihr etwa skurriler Ermittler:

Don Pansa, der kleine dicke Kommissar der Ferieninsel Canaria, musste
seinen Wagen vor der langen und steilen Auffahrt zur Villa „Monbijou“
am Fuße des Hügels stehen lassen. Überall auf dem Weg standen Polizei-
und Krankenwagen, auch der schwarzglänzende Wagen eines
Leichenbestatters machte sich breit.
„Immer dieser Umstand“, murrte Pansa, „leicht wird‘ s einem nicht
gemacht.“ Bereits nach wenigen Schritten keuchte er, als ob er einen
Marathonlauf hinter sich hätte.

Von der Herbststimmung in der Umgebung von Hillesheim ließ sich Eva Glaßl inspirieren:

Der Streifenwagen schlängelte sich auf der Landstraße aus Richtung Daun kommend auf die Anhöhe, die den Blick freigab auf das bereits herbstlich gefärbte Kerpener Tal.

„Wo soll der Feldweg denn jetzt sein?“, fragte Martin Steiner beinahe vorwurfsvoll seinen Kollegen Hartl und bremste den Wagen ab. „Der hat doch gesagt, man sieht den Wagen, sobald wir hier oben sind.“

Mitten hinein ins gar nicht so beschauliche Landleben führt uns Dorothea Schiefer mit ihrem Krimi „Todeskühe“:

Heribert Gillenborn blieb auf dem Weg vom Wohnhaus zum Pferdestall stehen. Er sah sich um. Hatte das Unwetter gestern Abend größeren Schaden angerichtet? Nein, außer den beiden Kübelpflanzen neben der Tür zum Wohnhaus war nichts durch die Gegend geflogen oder umgestürzt. Seine Pferde waren schon im Stall gewesen, als der Sturm losbrach. Nach einer knappen halben Stunde war der Spuk vorbei gewesen. Er schüttelte sich noch mal bei der Erinnerung und setzte seinen Weg fort. Da runzelte er die Stirn und horchte. Was war das?

Die Gruppe war sich einig, dass jeder dieser Anfänge das Zeug hat, zu einem spannenden Krimi heranzuwachsen. Was meinen Sie? Welchen Text möchten Sie weiterlesen?

Ihr Lieblingsziel für eine Schreibreise: Bremerhaven

Bremerhaven-72Damit hatte ich nicht gerechnet: Bremerhaven hat bei der Umfrage nach der Lieblingsschreibreise die meisten Stimmen bekommen. Ich hätte eher auf Worpswede oder Dresden getippt, die auf den Plätzen zwei und drei folgen, weil zusätzlich zu der Umfrage hier im Blog, bei der Wörlitz auf den zweiten Platz kam, auch noch per E-Mail und auf Facebook abgestimmt wurde. Aber vielleicht ist es ja logisch, dass diejenigen, die gern reisen, auch gern über das Reisen schreiben. Und das geht in Bremerhaven wirklich sehr gut. Ich freue mich jedenfalls über das Ergebnis und ein Wiedersehen mit der Stadt, die viele spannende Erlebnisse zu bieten hat. Vor allem erinnere ich mich an einen Spaziergang am Deich entlang, einen Besuch im Auswandererhaus, bei dem man einen sehr nahen und unmittelbaren Eindruck von den Strapazen des Wegs in die Neue Welt bekam, leckere Krabbenbrötchen und den grandiosen Panoramablick vom  Sail-City-Hochhaus. Und natürlich erinnere ich mich gern an vielschichtige Texte vom Aufbrechen und Ankommen, vom Erkunden und Erleben, von Begegnungen mit fremden Menschen und Kulturen. Das Hotel Haverkamp bot damals – im September 2009 – einen sehr ansprechenden Rahmen für das Seminar.

Ihr Wunschseminar Über das Reisen schreiben wird vom 18. bis 20. September 2015 im Hotel Im Jaich in Bremerhaven direkt am Neuen Hafen stattfinden. Kreativer Weitblick garantiert! Ich freue mich, wenn Sie mit dabei  sind.

Die Gewinner sind inzwischen benachrichtigt. Ich danke allen, die sich an der Umfrage beteiligt haben.

„Buch für Rezension“: Aktion abgeschlossen

Lose-(1-von-2)Vielen Dank fürs Mitmachen. Insgesamt sechzehn Interessentinnen und Interessenten haben sich auf unterschiedlichen Wegen gemeldet, weil sie gern „Helden, Helfer und Halunken“ lesen und besprechen möchten. Eine männliche „Glücksfee“ hat am Montagabend die zehn Gewinner der Freiexemplare ermittelt. Inzwischen sind alle benachrichtigt und die ersten Bücher sind auf dem Weg zu den Lesern. Ich bin mächtig gespannt, wie der Schreibratgeber ihnen gefällt.

Ihre Lieblingsschreibreise: Wählen und Gewinnen

Bremerhaven-72Stilistico Schreibkultur feiert 2015 Geburtstag. Seit zehn Jahren biete ich Schreibreisen an schöne und vor allem inspirierende Orte in Deutschland an. Zwanzig davon habe ich in dem Buch Kreativ unterwegs vorgestellt. Neben den „Klassikern“, die immer wieder im Programm sind, gab und gibt es spezielle Ziele, bei denen sich Schreibanregungen ganz ideal mit kulturellen und literarischen Erlebnissen verbinden. Eine von diesen Schreibreisen möchte ich in Dresden-72der zweiten Jahreshälfte als Jubiläumsreise anbieten.

Welches war Ihre Lieblingsreise? Welche Schreibreise möchten Sie endlich einmal oder noch einmal unternehmen? Sie haben die Wahl:

 

Marbach-72Wie Sie sich beteiligen können?

Nehmen Sie an der Umfrage teil oder nennen Sie im Kommentar Ihre Lieblingsreise oder schreiben Sie mir eine E-Mail (Schikorsky@Stilistico.de). Gern können Sie auch weitere Wunschziele vorschlagen.

woerlitz-72Unter allen, die sich bis 22. Oktober 2014 per Abstimmung, Kommentar oder E-Mail an der Wahl der „Lieblingsschreibreise“ beteiligen und ihre E-Mail-Adresse angeben, werden folgende Preise verlost:

  1. Erster Preis: Ein Gutschein über 50 Euro (einzulösen für eine Stilistico Schreibreise oder ein Lektorat)

worpswede-72Zweiter Preis: Ein Paket mit den drei Schreibratgebern: Helden, Helfer und Halunken, Kreativ unterwegs und Aus dem Lektorat

Dritter bis fünfter Preis: Je ein Exemplar von Kreativ unterwegs

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis!

 

 

Buch für Rezension: 10 Freiexemplare des Schreibratgebers „Helden, Helfer und Halunken“

Helden-Helfer-Halunken-CoverMein neuer Ratgeber „Helden Helfer und Halunken“ möchte Sie bei der Gestaltung von perfekten Figuren für Ihre Romane und Erzählungen unterstützen. Die sieben Hauptkapitel beschäftigen sich mit folgenden Themen: Aspekte der Figurenentwicklung; Methoden zum vertieften Erkunden von Figuren; Erzählperspektiven und ihre Wirkung; Möglichkeiten der Vorstellung von Figuren in der Geschichte; Sprechen und Denken von Figuren.

Am Ende der Einzelkapitel und am Schluss des Buches wird das „Wichtigste in Kürze“ zusammengefasst. Die allgemeinen und theoretischen Überlegungen werden durch zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte und aus der Werkstatt von Autoren und Autorinnen illustriert. Außerdem gibt es Praxistipps und Schreibimpulse sowie ergänzende Hinweise auf Literatur und Webseiten.

Sie können den Schreibratgeber überall im Buchhandel bestellen. Ein Blick ins Buch ist zum Beispiel bei Amazon möglich. Über Besprechungen freue ich mich sehr. Unter dem Motto Buch für Rezension verlose ich zehn Freiexemplare verbunden mit der Bitte, den Titel bei Amazon (und gern auch an anderen Stellen) zu bewerten. Wenn Sie interessiert sind, melden Sie sich bitte bis 19. Oktober 1014 per E-Mail oder Kommentar hier im Blog.

Wer das Buch in seinem (inhaltlich passenden) Blog oder als Journalist(in) in einem anderen Medium vorstellen möchte, melde sich bitte ebenfalls bei mir.

Patrick Modiano: Die Kleine Bijou

Gesucht und wiedergefunden. Ich habe mich gerade erinnert, dass ich vor vielen Jahren ein Buch des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers gelesen und rezensiert habe. Über „Die Kleine Bijou“ von Patrick Modiano habe ich damals in der „Lesart“ (Heft 1, 2003)  resümiert:

Das kunstvoll ineinander verschränkte Wechselspiel von Gegenwart und Vergangenheit entfaltet eine suggestive Wirkung, der man sich schwerlich entziehen kann. Bereitwillig folgt man der Hauptfigur in ihre schmerzliche Erinnerungen während langer einsamer Wanderungen durch die kalte und dunkle Stadt, die den handlungsarmen Roman ausfüllen. Die mit großer Sorgfalt gewählte Sprache bildet einen reizvollen Kontrast zur bruchstückhaften Erzählweise, die vieles in der Schwebe lässt. Die exakt gesetzten Wörter machen aber auch die Möglichkeiten ihres Missbrauchs besonders deutlich. Immer wieder geht es um Lüge, Verstellung und die Unfähigkeit zur Kommunikation. »Die Kleine Bijou« erweist sich als ungemein dichte Studie über die menschliche Einsamkeit, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass jedes Detail über sich hinaus weist, ohne dass der Text dadurch konstruiert oder bemüht wirkt. So symbolisiert z.B. der ehemals elegante gelbe Mantel, der jetzt stumpf und grau geworden ist, den Lebenstraum der Mutter und dessen Zerfall.

Hoffentlich ist dieses beeindruckende Buch bald wieder lieferbar.

Patrick Modiano: »Die Kleine Bijou«, Roman, Hanser Verlag, München 2003, 150 S., € 14,90