Archiv für den Monat Juli 2014

Lieblingsplätze zum Schreiben

WoerlitzWo schreiben Sie am liebsten? Mit Block und Stift hatte man schon immer große Freiheit bei der Ortswahl, und seit es  Laptop und Tablet gibt, ist sie auch für die elektronischen Schreiber fast grenzenlos. In meiner Vorstellung sehe ich mich gern in den schicksten Cafés der Stadt sitzen, Cappuccino schlürfen und nebenbei die raffiniertesten Geschichten ins Laptop zu zaubern. In der Realität bleibt es meist beim häuslichen Schreibtisch mit Blick aufs Altenheim gegenüber, sicher nicht der kreativste Ort, aber der gewohnte. An kreativem Potenzial übertroffen wird er nur vom (leider seltenen) Schreiben mit Blick auf die Ostsee.

Oft scheint Ruhe ein wichtiger Aspekt bei der Auswahl des Orts zu sein. Doch es gibt auch Autoren, die umgeben von Lärm und Trubel die besten Ideen haben. Erich Kästner zum Beispiel schrieb bevorzugt in Cafés und Bars. Und dann gibt es diejenigen, die in der nüchternen Atmosphäre eines Seminarraums und in sehr begrenzter Zeit wunderbare Texte produzieren, zu Hause dagegen nicht recht ins Schreiben finden. Und natürlich gibt es diejenigen, bei denen es genau anders herum funktioniert.

ArbeitsplatzDoch egal, ob es ein Platz mit persönlichen Erinnerungsstücken ist, ein vollgekramter Küchentisch, ein leerer Büroschreibtisch oder ein wackliger Klapptisch unterm Apfelbaum, entscheidend ist, dass es der Ort ist, der zu Ihnen und Ihrer Art zu schreiben am besten passt. Wenn Sie unsicher sind, probieren Sie einfach verschiedene Möglichkeiten aus. Marcel Proust zum Beispiel hat bevorzugt im Bett geschrieben.

Ich freue mich, etwas über Ihre Lieblingsschreibplätze zu erfahren. 

Buchtipp: „So lektorieren Sie Ihre Texte“ von Sylvia Englert

Englert-72Sylvia Englert schätze ich als sehr kompetente Verfasserin des ausgesprochen hilfreichen „Autoren-Handbuchs“. Dem neuen Titel habe ich mich mit großer Skepsis genähert. Ist es wirklich möglich, seine Manuskripte selbst zu lektorieren? Sowohl als Autorin wie auch als Lektorin habe ich erfahren: Das funktioniert nur sehr begrenzt. Die Haupthindernisse sind Betriebsblindheit und Bequemlichkeit. Einem Autor fehlt die Distanz zum eigenen Text. Er sieht nicht, was er besser machen könnte, sonst hätte er es ja gemacht. Hier kann nur ein kritischer Blick von außen helfen, von kompetenten Testlesern oder professionellen Lektoren. Ich erinnere mich noch gut, wie begeistert ich war und wie viel ich gelernt habe, als eine meiner Erzählungen von einer klugen, einfühlsamen Lektorin bearbeitet wurde. Alle Änderungsvorschläge habe ich gern übernommen, der Text gewann dadurch sehr. Ich selbst hätte die kleinen und großen Macken auch beim tausendsten Durchlesen nicht bemerkt. Der Vorwurf der Bequemlichkeit wirkt vielleicht etwas hart. Keine Frage, es ist eine Riesenleistung, einen Roman von mehreren Hundert Seiten zu entwickeln und zu schreiben. Man arbeitet Monate und Jahre daran, liest ihn anschließend mehrfach durch und nimmt mehr oder weniger umfangreiche Korrekturen vor. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, da hat man das Gefühl: Jetzt ist das Werk fertig. Man mag es nicht mehr sehen. Wenn danach noch Testleser oder Lektoren Durchhänger in der Spannung oder klischeehafte Figuren entdecken, sucht man gern nach Ausreden, um nichts mehr ändern zu müssen.

Doch genau das fordert Englert. Jedenfalls im ersten der insgesamt drei Überarbeitungsschritte. Da geht es nicht um ein paar Komma- oder Logikfehler, sondern beispielsweise darum, die Hauptfiguren auf Herz und Nieren zu prüfen, und wenn sie sich nicht entwickeln, zu gut, zu böse oder zu blass sind und keine Nähe zulassen, gründlich nachzubessern. Ähnliches gilt für die Gesamtstruktur: Ist der rote Faden sichtbar? Trägt der Spannungsbogen? Wecken die ersten Seiten Neugier? Ist das Ende deutlich? Stimmt die Reihenfolge der Szenen? Ansonsten muss gestrichen, umgestellt, neu entwickelt und anders geschrieben werden. Das kann im Extremfall bedeuten, alles, was so mühsam zusammengefügt wurde, wieder auseinanderzureißen und noch einmal zu beginnen. Und das macht viel, sehr viel Arbeit. Deshalb ist es sinnvoll, sich mit den wesentlichen Grundprinzipien des literarischen Schreibens, die Englert sehr verständlich und plausibel erklärt, vertraut zu machen, bevor Sie mit Ihrem Roman oder Ihrer Erzählung beginnen. Dann wird der Überarbeitungsbedarf später deutlich geringer sein.

Im zweiten Schritt („Erster Schliff“) sollen zunächst Fakten und Logik sowie Ton und Tempo kontrolliert werden. Während Defizite in diesen Punkten ohne Feedback von außen ebenfalls nur sehr schwer vom Autor erkannt werden können, lassen sich im Hinblick auf Sprache und Stil tatsächlich viele Mängel selbst auffinden und beheben – wenn man selbstkritisch und sorgfältig ist und den Grundsatz „Kill your darlings“ beherzigt. Denn aus unerklärlichen Gründen halten Autoren (ich schließe mich da nicht aus) gern besonders zäh an den plattesten Adjektivgirlanden, den schiefsten Metaphern und den umständlichsten Formulierungen fest. Spätestens hier sollte Schritt drei ins Spiel kommen: „Überarbeiten nach Feedback“. Englert gibt gute Ratschläge, wie man Testleser findet und anleitet, und wo man sonst noch Hilfe erhalten kann.

Sehr nützlich sind generell die konkreten Fragen in jedem Kapitel und auch die Checklisten am Ende jedes Schritts. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die sich nicht scheuen, ein „eigentlich“ fertiges Manuskript nochmals ganz distanziert, kritisch und mitleidlos zu überprüfen und die erkannten Mängel tatsächlich zu beseitigen.

Sylvia Englert: So lektorieren Sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten. Berlin: Autorenhaus 2013, 153 S., 12,95 Euro