Auf Schreibexpedition in der Stadt

Motoren summen vor der roten Ampel: startklar. Der Schatten reicht für den Bürgersteig und den Radweg daneben. Das grüne Band des Kanals liegt träge im Sonnenschein. Algenblüte macht sich breit. In der prallen Mittagssonne strahlt der Sandplatz die Unerbittlichkeit der durchglühten Sahara aus. Julian geht weiter. Unzählige Fahrräder säumen die Wiesen vor den Gebäuden, auf denen junge Menschen im Schatten großer Linden sitzen, deren welkende Blüten einen letzten Duft verströmen.

Hungrig ist er nicht. Zum Frühstück isst er immer eine Portion Pellkartoffeln mit Quark. Und doch sucht er sich einen Platz im Straßencafé, bestellt Cappuccino und Kuchen, klappt sein Laptop auf, startet ihn und liest, was er zuletzt geschrieben hat: „Dabei war es nur sein Bestreben, endlich einmal die Produktionsanstalten des von ihm so geliebten Eau des Cologne in Augenschein zu nehmen. Beiß die Zähne zusammen, alter Knabe, machte er sich selbst Mut, während Gänsehaut seinen Nacken hinaufkroch.“ Wie soll es weitergehen mit seinem Horrorroman? Julian fehlt eine zündende Idee. Er überlegt eine Weile, dann schweifen seine Gedanken ab. Hier zu sitzen, Himbeertörtchen zu essen, Kaffee zu schlürfen, Sonne auf der Haut, ist unvergleichlich besser als in engen Institutsgebäuden sinnlose Anträge zu formulieren. Andererseits: Wenn er das Manuskript nicht bald abschließt, wird er seine Karriere als Schriftsteller vergessen können.

Koeln-IMG_6331Haben Sie es gemerkt? Dieser Text hat nicht einen Urheber, sondern sieben. Es ist eine kleine Collage von Lieblingssätzen der Teilnehmerinnen am Sommerschreibworkshop  der Volkshochschule Köln im letzten Jahr.

Inzwischen hat dieses Seminar schon Tradition. Es ist eine tolle Gelegenheit, verschiedene Stadtteile auf ungewöhnliche Weise zu entdecken. Sie gehen durch teils fremde, teil vertraute Straßen und Parks und sehen alles mit den Augen des Schreibenden. Da wird der harmlose Passant schnell zur unheimlichen Figur. Da der Seminarort direkt an den Hauptfriedhof Kölns grenzt, den Melatenfriedhof, gibt es die zusätzliche Möglichkeit, dort den Geschichten von prominenten und weniger bekannten Menschen wie etwa dem etwa Erfinder des Eau des Cologne nachzuspüren.

Gehen Sie doch einfach mal bei sich zu Hause auf Schreibexpedition. Einen anregenden Impuls gibt die Stadtplanfantasie. So funktioniert es:

  1. Nehmen Sie den Stadtplan Ihres Wohnortes zur Hand oder rufen Sie ihn im Internet auf.
  2. Suchen Sie sich einen Punkt auf dem Stadtplanausschnitt nach dem Zufallsprinzip: Augen schließen, mit einem Stift einen Punkt markieren.
  3. Notieren Sie zunächst Ihre Vorstellungen vom gewählten Ort: Wie wird es dort aussehen? Was wird zu riechen und zu hören sein? Wer lebt dort? Wer begegnet Ihnen dort? Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf.
  4. Suchen Sie dann den Ort auf. Notieren Sie jetzt, was Sie tatsächlich dort wahrnehmen. Berücksichtigen Sie alle Sinne. Beziehen Sie das Wetter, tages- oder jahreszeitliche Besonderheiten mit ein. Versuchen Sie, die besondere Stimmung des Ortes und seiner Menschen einzufangen.
  5. Schreiben Sie unterwegs oder nach Ihrer Rückkehr eine kleine Geschichte oder Beschreibung des Ortes.
  6. Wenn Sie mögen, stellen Sie das Ergebnis (oder einen Ausschnitt) hier ein.

Viel Vergnügen.

Wer Lust hat, Köln-Lindenthal mit allen Sinnen und den Mitteln der Sprache zu entdecken: In der Schreibwerkstatt vom 7. bis 10. Juli 2014 sind noch ein paar Plätze frei. Ich freue mich auf Sie.

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3 Gedanken zu „Auf Schreibexpedition in der Stadt

  1. margarethaa

    Finde ich toll Ihren Blog liebe Frau Schikorsky! Und die Schreibimpulse auch…. werd mal weiter schmökern:-)
    Viel Freude weiterhin

    Antwort
  2. Pingback: Schreiben auf Reisen – zwei Ratgeber und ein Seminar | Romane und Geschichten schreiben

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