Archiv für den Monat Juni 2014

Rückblende: Schreiben auf Theodor Storms Spuren in Husum

Storm-DenkmalMit einer kleinen, aber sehr motivierten Schreibgruppe verlebten wir Mitte Mai ein intensives und abwechslungsreiches Wochenende in Husum auf den Spuren Theodor Storms. In unserer Erinnerung hatten wir Storm als etwas angestaubten, unzeitgemäßen Autor gespeichert, und so waren wir überrascht, wie frisch und modern er uns in vielen seiner Werke begegnete.  Die Natur- und Erlebnislyrik, vor allem seine Gedichte über das Meer, die von Liebe, Sehnsucht und Heimweh handeln,  überraschten uns durch Einfachheit und konkrete, sinnliche Bilder, die heute genauso anschaulich sind wie vor mehr als hundertfünfzig Jahren. Unter anderem ließen sich die Teilnehmerinnen zum lyrischen Spiel mit dem Mond anregen (z. B. als Antwort auf Storms Gedicht Mondlicht: Wie liegt im Mondenlichte/ Begraben nun die Welt). Liz Echelmeyer schrieb dazu:

Wenn Krähen Krähen etwas krähen
lässt sich im Park kein Wort verstehen.
Rollt nächtens dann der Mond vorbei,
herrscht noch immer dies Geschrei.

Ja, die Krähen, ihnen begegnen wir gleich noch einmal.

Doch vorher waren die Gattung der Novelle und natürlich Storms „Schimmelreiter“ unser Thema. Wieder mussten wir unsere Erinnerungen revidieren: Hauke Haien erwies sich als psychologisch sehr komplex gestalteter, gebrochener Charakter, und nicht als Superheld, wie er uns teilweise zu Schulzeiten vermittelt worden war.

Am Samstagnachmittag spazierten wir an allen sieben Häusern vorüber, in denen Storm in Husum gelebt hatte, besuchten sein Grab auf dem St.-Jürgen-Friedhof, das zauberhafte Storm-Museum mit dem „Poetenstübchen“ und Storms Denkmal im Schlosspark. Anschließend war es möglich, ein mehr oder weniger ernsthaftes Resümee zu ziehen: Husum – grau oder bunt?

Die bunte, graue Stadt

Die Stadt ist bunt, weitab das Meer
wozu kam ich nach Husum her?
Auch Nebel hat’s mitnichten;
wir kamen her zum Dichten.

Der Schlosspark rauscht, die Krähen krähn,
und Grün ist überall zu sehn;
schon schlägt der Mai uns in den Bann;
doch wie geh ich das Dichten an?

Es ist, wie’s ist, so sei es drum,
wir bummeln erst in Husum rum,
schon steht nach Schreiben mehr der Sinn,
wir kriegen’s jetzt ganz leidlich hin.

Drum danken wir nun herzlich sehr
der bunten, grauen Stadt am Meer!

Liz Echelmeyer (Münster), Mai 2014

 

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Auf Schreibexpedition in der Stadt

Motoren summen vor der roten Ampel: startklar. Der Schatten reicht für den Bürgersteig und den Radweg daneben. Das grüne Band des Kanals liegt träge im Sonnenschein. Algenblüte macht sich breit. In der prallen Mittagssonne strahlt der Sandplatz die Unerbittlichkeit der durchglühten Sahara aus. Julian geht weiter. Unzählige Fahrräder säumen die Wiesen vor den Gebäuden, auf denen junge Menschen im Schatten großer Linden sitzen, deren welkende Blüten einen letzten Duft verströmen.

Hungrig ist er nicht. Zum Frühstück isst er immer eine Portion Pellkartoffeln mit Quark. Und doch sucht er sich einen Platz im Straßencafé, bestellt Cappuccino und Kuchen, klappt sein Laptop auf, startet ihn und liest, was er zuletzt geschrieben hat: „Dabei war es nur sein Bestreben, endlich einmal die Produktionsanstalten des von ihm so geliebten Eau des Cologne in Augenschein zu nehmen. Beiß die Zähne zusammen, alter Knabe, machte er sich selbst Mut, während Gänsehaut seinen Nacken hinaufkroch.“ Wie soll es weitergehen mit seinem Horrorroman? Julian fehlt eine zündende Idee. Er überlegt eine Weile, dann schweifen seine Gedanken ab. Hier zu sitzen, Himbeertörtchen zu essen, Kaffee zu schlürfen, Sonne auf der Haut, ist unvergleichlich besser als in engen Institutsgebäuden sinnlose Anträge zu formulieren. Andererseits: Wenn er das Manuskript nicht bald abschließt, wird er seine Karriere als Schriftsteller vergessen können.

Koeln-IMG_6331Haben Sie es gemerkt? Dieser Text hat nicht einen Urheber, sondern sieben. Es ist eine kleine Collage von Lieblingssätzen der Teilnehmerinnen am Sommerschreibworkshop  der Volkshochschule Köln im letzten Jahr.

Inzwischen hat dieses Seminar schon Tradition. Es ist eine tolle Gelegenheit, verschiedene Stadtteile auf ungewöhnliche Weise zu entdecken. Sie gehen durch teils fremde, teil vertraute Straßen und Parks und sehen alles mit den Augen des Schreibenden. Da wird der harmlose Passant schnell zur unheimlichen Figur. Da der Seminarort direkt an den Hauptfriedhof Kölns grenzt, den Melatenfriedhof, gibt es die zusätzliche Möglichkeit, dort den Geschichten von prominenten und weniger bekannten Menschen wie etwa dem etwa Erfinder des Eau des Cologne nachzuspüren.

Gehen Sie doch einfach mal bei sich zu Hause auf Schreibexpedition. Einen anregenden Impuls gibt die Stadtplanfantasie. So funktioniert es:

  1. Nehmen Sie den Stadtplan Ihres Wohnortes zur Hand oder rufen Sie ihn im Internet auf.
  2. Suchen Sie sich einen Punkt auf dem Stadtplanausschnitt nach dem Zufallsprinzip: Augen schließen, mit einem Stift einen Punkt markieren.
  3. Notieren Sie zunächst Ihre Vorstellungen vom gewählten Ort: Wie wird es dort aussehen? Was wird zu riechen und zu hören sein? Wer lebt dort? Wer begegnet Ihnen dort? Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf.
  4. Suchen Sie dann den Ort auf. Notieren Sie jetzt, was Sie tatsächlich dort wahrnehmen. Berücksichtigen Sie alle Sinne. Beziehen Sie das Wetter, tages- oder jahreszeitliche Besonderheiten mit ein. Versuchen Sie, die besondere Stimmung des Ortes und seiner Menschen einzufangen.
  5. Schreiben Sie unterwegs oder nach Ihrer Rückkehr eine kleine Geschichte oder Beschreibung des Ortes.
  6. Wenn Sie mögen, stellen Sie das Ergebnis (oder einen Ausschnitt) hier ein.

Viel Vergnügen.

Wer Lust hat, Köln-Lindenthal mit allen Sinnen und den Mitteln der Sprache zu entdecken: In der Schreibwerkstatt vom 7. bis 10. Juli 2014 sind noch ein paar Plätze frei. Ich freue mich auf Sie.

Braucht man eine Prämisse?

SchreibtippWelche Prämisse hat die Geschichte, an der Sie gerade arbeiten? Können Sie diese Frage sofort beantworten? Haben Sie noch nie darüber nachgedacht? Oder finden Sie es sogar unsinnig, das zu tun? Viele Autoren und Autorinnen sind der Meinung, ihre Geschichte ist so vieldeutig und komplex, dass sie sich nicht auf eine Aussage reduzieren lässt. Genau das soll die Prämisse aber leisten: Sie gibt Auskunft über die „beherrschende Idee“ (Ron Kellermann) oder die Kernaussage eines Textes. James N. Frey behauptet sogar: „Eine Geschichte ohne eine Prämisse zu schreiben ist, als wollte man ein Boot ohne Riemen rudern.“ Das trifft es meiner Ansicht nach sehr gut. Sie brauchen die Prämisse, um die Geschichte anzutreiben, um die Richtung zu bestimmen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Nur wenn Sie Ihre Prämisse kennen, können Sie den roten Faden durch den Plot ziehen und bestimmen, was in den Text gehört und was nicht.

Wie findet man die Prämisse? Zugegeben, meist hat man noch keine rechte Ahnung, wohin die Fahrt gehen soll, wenn man anfängt, eine Geschichte zu entwickeln. Doch wenn der Plot in groben Zügen steht, kann die Suche starten. Sie müssen wissen, welcher (emotionale) Wert im Mittelpunkt steht, wohin er den Protagonisten führt und wie die Geschichte enden soll. In der einfachsten Form folgt die Prämisse dem Muster „X führt zu Y“: „Realitätsflucht führt ins Unglück“ oder „Wer den Hass überwindet, wird sein Gleichgewicht finden“. „Unerlaubte Liebe führt zum Tod“ – diese Prämisse beweisen Flaubert mit „Madame Bovary“ und Tolstoi mit „Anna Karenina“. Probieren Sie einfach verschiedene Formulierungen aus und feilen Sie an Ihrer Prämisse, bis sie wirklich überzeugend und eingängig ist, dann wird sie Ihnen gute Dienste bei der Weiterarbeit leisten.

Übrigens: In der Geschichte selbst wird die Kernaussage nie explizit erwähnt. Es sei denn, Sie schreiben eine Fabel. Da wird traditionell am Ende oft die Moral nochmals zusammengefasst: „Wer hochmütig ist, wird vernichtet“ oder „Niemand soll seinen Feind verachten, auch wenn er klein erscheint“.

SCHREIBÜBUNG:

Wem die Suche nach einer Prämisse Schwierigkeiten bereitet, der kann einfach den umgekehrten Weg gehen: Nehmen Sie zum Beispiel eine Redensart und schreiben Sie eine Geschichte dazu, deren Prämisse dann vielleicht lautet „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, „Wer alles will, bekommt nichts“ oder „Den Vogel, der am Morgen singt, holt am Abend die Katz.“